Jenseits der Biographie

Neuerdings jogge ich. Das hätte ich nie gedacht. Mit schneeweißen Joggingschuhen, billig von Reebok ersteigert, in einem harmonischen, wunderschön gepflegten Wald, ohne Müll, ohne breitgetretene Pfaden voller Schafskacke, ohne herumstreuende Hunde oder besoffene Dorfsleute mit einem Hang zur Vergewaltigung, ohne zwergenhafte Außerirdische in grün, mit Glubschaugen und bodenlangen Armen, die sich später als kackende Förster entpuppen. In so einem Wald zu joggen, das gehört nicht zu meiner Biographie.

Das Leben, das ich jetzt lebe ist eigentlich sehr schön. Nur, es ist nicht meins. Das Haus, in dem ich wohne, ist das richtige. Nur, es steht in der falschen Straße.

Ich halte die Vorstellung, das man immer sein eigenes Leben lebt, für einen gefährlichen Irrglauben. Vielmehr denke ich, dass man in allen möglichen Biographien herumirren kann und dabei Leuten begegnen, Skatabende veranstalten, Glühbirnen auswechseln, Katzengras verstreuen, Wettbewerb im Armdrücken gewinnen.

Ich jogge also und bei jedem Schritt stelle ich mir vor, wie mein Hintern kleiner wird, mein Bauch flacher, wie ich immer schlanker und schlanker werde, um am Ende wieder die junge und ziemlich dünne Frau zu sein, die ich mal war, die faule Hochstaplerin, Schnapsdrossel und Taugenichts, das Großmaul mit Geniepotential, voller Abenteuerlust und mit mindestens drei Affären gleichzeitig, der Schreck aller Ehefrauen. Die wilde Osteuropäerin mit Knackarsch von dem sich gelangweilte Wessis gerne ausnehmen lassen. Und keine Mutti.

„Ich dachte, dass du nicht nur ein geniales Großmaul, sondern auch wirklich genial bist“ – sagte mir neulich eine alte Stimme aus einem früheren Leben, Typ WG-Zimmer mit Ikea- Matraze. Und natürlich kommt die Ernüchterung mit zwei Kindern und Kleidergröße 42.

Heute schenkt mir keiner mehr freiwillig Geld.  Jetzt muss ich meinem überforderten Ehemann zur Last fallen. Oder selber arbeiten gehen. Nur: ich kann nichts. Ich bin Künstler.

„Lass mal, du warst lange genug jung und hübsch“ sagte mir im Sommer meine wunderschöne voluminöse Jugendfreundin. Das hieß so viel, wie „welcome to the real world”.

Vielleicht habe ich einfach nur den Faden verloren. Ich bin in ein fremdes Leben gerutscht, so wie der Muslim in tausendundeine Nacht, als er aus purer Neugier sein Gesicht in das Wasser de Zauberers hielt.

Werde weich. Werde zart. Liebe das Zarte in Dir.

Ich habe keine Ahnung, wovon ihr redet. Aber ich tue so, als ob ich es wüsste. Klug bin ich immer noch. Auch mit Fett auf dem Hintern.

Wir haben jetzt eine Katze. Seit vier Tagen schon. Und ich habe sie noch kein Mal getreten.

Ich renne durch den wunderschönen Wald. Regen auf meiner Haut, die Blätter strahlen, gelbe und rote Leuchtwiesen zwischen kahlen Bäumen. Auch der November hat seinen Glanz, aber nur wer sich früh an einem verregneten Tag in den Wald traut, wird ihn sehen. Es ist ein zartes, fast unsichtbares Leuchten, wie Glühwürmchen in locker geschlossener Faust. Und der Duft von nasser Erde wäscht das Hirn.

Ich lasse die Bäume hinter mir. Vor mir schlängelt sich, zwischen kahlen Hügeln ein schmaler, fremder Weg. Die Havelländische Fahrradstraße.

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21 Antworten auf Jenseits der Biographie

  1. Katika sagt:

    Réka! Ich kenne diese Gefühle. Du hast Heimweh. Du wirst das Leben, das Land, das Haus, die Familie und den Arsch solange schöner machen wollen, es solange trainieren und solange verbessern, bis alles tatsächlich perfekt wird. Du kannst dies alles machen, es steht in deiner Macht. Aber du kannst dies alles nicht in deine heimatliche Umgebung katapultieren, dorthin, wo du deine Wurzeln hast, das geht nicht. Und solange du das perfekte Leben, Land, Haus, Familie, Arsch nicht dort hast, wo du dich wirklich Zuhause fühlst, werden sie dir nicht gefallen, nie. Du wirst nicht glücklich mit den perfekten Dingen. Stell dich diesem Schmerz, es geht nicht anders, denn Heimweh dauert ein Leben lang! Oder du musst innerlich nach Hause finden. Du musst finden den Weg, raus aus dem falschen Film.

  2. terezia sagt:

    “Werde weich. Werde zart. Liebe das Zarte in Dir.”
    Kedves Réka,
    azt ajánlom, olvasd pl. a “csakazolvassa” blogot és szarjál a Zartheitra. Mert ha egy ember (nö) azt az életet éli, ami tényleg az övé, azt arról ismeri fel, hogy nem kell hozzálágyulnia, nekisimulnia stb.
    Ha szeretsz futni, fuss, ha nem szeretsz, hagyd abba. A has magától el fog menni, csak nem 9 hónap alatt, ahogy ezt idióták megpróbálják bebeszélni nekünk, hanem 5 év múlva. Vagy nem megy el, és akkor mi van? Csalás nélkül szétnézni. Ha könnyedén, hát könnyedén. Ha meg nem könnyedén, akkor nem.
    Puszi
    T

  3. bibbche sagt:

    Vor 20 Jahren lernte ich J kennen – ungarische Rumänin. Ich arbeitete in einem biederen Betrieb, mir ging es damals nur ums Geld verdienen, um Deutschland für Jahre verlassen zu können, wollte immer fliehen. Ich hatte noch ca. 2 Arbeitsjahre vor mir, da kam J in unseren Betrieb, während alle Frauen über sie lästerten (sie war immer sehr sexy gekleidet, sah überhaupt sehr rassig aus), war ich von Anfang an fasziniert von ihr, nach kurzer Zeit waren wir die dicksten Freundinnen. Immer öfter gingen wir nach der Arbeit einen saufen, und da mein Liebster noch eifrig studierte, anschließend zu ihr, quatschen und tranken halbe bis ganze Nächte durch, gingen morgens brav gemeinsam zur Arbeit. Es war für mich damals die beste Zeit in Deutschland.

    Sehr lange habe ich nicht mehr an sie gedacht, Du hast sie mir wieder in Erinnerung gebracht, das freut mich sehr, ich habe sie ganz doll gemocht und würde gerne wissen, wie es ihr heute geht.

  4. bibbche sagt:

    So fertig! Ich habe Dein ganzes blog gelesen, konnte nicht aufhören, bin immer weiter zurück, bis ich alles gelesen hatte. Eins der besten Blogs, wenn nicht das beste, das ich kenne.

  5. Pingback: Woanders – heute über Duftkerzen, Autofahren, demente Großmütter und anderes | Herzdamengeschichten

  6. Wie heißt’s so schön? »Das ist kein Fett! Das ist erotische Nutzfläche.«

  7. balázs zsóka sagt:

    a szépség mulandó (elkendözhetö, sminkelhetö, operálható), csak a butaság örök. ergo: jobb okosnak maradni, mint butának. ma már egy pasi is untat, nemhogy 3 mihaszna egyidejüleg! a gyerköcöktöl legalább lehet tanulni!
    üdv

  8. Pingback: Link(s) vom 15. November 2012 — e13.de

  9. glumm sagt:

    Herrliche Zeilen, mal wieder. Und dass du deine neuen Katze noch nicht in die Fresse getreten hast, seit 4 TAGEN SCHON, Respekt!

    Ich krieg zwar keinen dicken Hintern, aber einen Bierbauch obwohl, und das ist das gemeine, ich kein Bier mehr trinke. (Nur noch Doppelkorn.)

    Gruß,
    Glummi

  10. Sofasophia sagt:

    oh, was kann ich da noch schreiben, wo die andern alles, was ich sagen wollte, schon geschrieben haben.

    dein text trifft mich. auch ich kenne dieses gefühl. meine frage heisst dann: bin das wirklich ich? welches meiner ichs? und will ich das? wenn ein nein kommt, muss ich was ändern. wenn ein ja kommt, denk ich: okay, dann geh mal so weiter, bis zur nächsten gabelung. und dann gucken wir mal.

    danke für deinen wunderbar selbstironischen, liebevollen text!

    du bist wirklich eine geniale künstlerin, ob du es nun glaubst oder nicht!

    herzlich, soso

  11. Ira Tondowski sagt:

    Wenn du über den Wald schreibst, geht mir das Herz auf.

  12. Kathrin sagt:

    erst mal: bleib dabei. tritt die katze nicht.
    und dann, was ist das denn, dein “eigenes” leben? das, was du dir mit 16 mal vorgestellt hast, was es sein würde? Pff. Keiner hat ein eigenes Leben, es sei denn er ist Eremit :-) . Und du lebst kein fremdes. Das da, das Haus, die Kinder, der Ehemann, die zweifelnde Künstlerin, das ist dein Leben. Nimm es an. Verändern tut sich alles wieder von allein.
    Du bist du, und wer das nicht weiß, ist dumm, bumm.

  13. Sherry sagt:

    Ich bin an einem Punkt, an dem ich nicht mehr frage, was mein und was das Leben anderer ist. Ich habe es aufgegeben und habe seitdem mehr Antrieb als vorher. – Das Alleinsein im Wald hat dich das Leuchten sehen lassen. Ich glaube, dass du mit Größe 42 besser aussiehst als mit Größe 36. Das Gewicht ermöglicht dir das Bleiben. Das Jugendliche hat dich nur rasend gemacht. Bleibend bist du schöner und sicherer. Rasend siehst du einfach mehr von der Welt, aber dich selbst nicht.

    “Ich kann nichts. Ich bin Künstlerin” ist eine schmerzliche Darstellung davon, wie eine Leistungskultur die Kunst “wertschätzt”.

  14. ich befinde mich in einem ähnlichen wald, liebe réka. und um sich darin vielleicht nicht zu hause, aber zurecht zu finden, braucht es solche sätze: „Lass mal, du warst lange genug jung und hübsch”. aber auch die anderen haben getroffen. in mein eigenes schwarzes sozusagen.

  15. Beatrice sagt:

    meine schöne, geniale freundin mit dem runden knackarsch,
    es ist schön, sich in fremden und manchmal auch in dem eigenen leben zu verirren. nur zu.
    aber bestimmt liegen deine weißen joggingschuhe nur noch rum, nach dem du es hier verkündet hast. oder nicht?
    mögen deine weißen joggingschuhe dich nach berlin tragen.
    auf bald.
    beatrice

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