Bulette im Haar

„Ich bin nicht deine Tochter“ – sagt sie auf ein mal, sie dreht sich zur Seite und schaut mich entschlossen an. Wir liegen beide auf dem Bett, es ist ein friedlicher Nachmittag und wir wollen Siesta machen und etwas vorlesen.
„Nein? Wessen Tochter bist du dann?
Von Niemandem.
Und wer ist dein Vater?
Niemand.
Und dein Bruder?
Niemand.
Und deine Großmutter?
Niemand.
Und wer bist du?“

Sie sagt ihren Namen. Ihr kleiner Körper ist durchgestreckt, sie scheint augenblicklich länger geworden zu sein. Sie schaut ernst hinter ihren roten Locken und ist erst drei Jahre alt.

Bist du sauer? – frage ich, denn der Anfall kam ganz plötzlich und ohne jeden Grund.
Nein- antwortet sie – DU bist sauer.
Ich muss lachen, denn sie hat Recht. Ein Hauch von Ärger kam in mir auf, irgendwo knapp unter der Schwelle des Bewusstseins.
Sie lacht nicht zurück. Sie schaut streng, als wäre sie plötzlich in ein unsichtbares Kampffeld geraten.

Und ich liebe dich nicht – fährt sie fort.
Nicht?
Nein.

Mir fällt ein, dass sie mir, als sie noch kein Jahr alt war, mal eine Bulette gegen den Kopf geworfen hat. Einfach so, beim Mittag essen. In der Küche meiner Mutter. Die lachte und sagte. „Ich freue mich schon!“ „Worauf denn?“ – fragte ich.
Meine Mutter antworte nicht, strahlte mich nur an und hörte nicht auf zu lächeln. In mir stieg ein unangenehmes Gefühl hoch, Erinnerungen, Szenen die ich immer als meine Heldengeschichten betrachtet und stolz herumerzählt habe.
Es ist passiert, dass ich meine Mutter geschubst und durch die Wohnung verfolgt habe. Ich schlug ihr mehrmals auf den Nacken und brüllte dabei. Ich habe sie mit jeder Schwäche aufs schärfste konfrontiert, habe ihr die Salatschüssel über den Kopf gezogen und das Radio ans Bein geworfen.
„Das ist nicht normal, du solltest dich mal behandeln lassen“ – sagte mir meine gute Freundin, eine Psychiaterin. Aber ich war mir sicher, dass es gut ist was ich tue, denn sonst hätte ich meine Mutter gehasst, den Kontakt zu ihr abgebrochen oder ich hätte früher oder später den Krebs. So aber konnte ich sie zwischen den Prügeleien immer noch lieben.
Schlechtes Gewissen hatte ich nicht, sie hat mich Gott sei dank eh immer machen lassen und war nicht zimperlich.

„Du bist die einzige Person auf der Welt, vor der ich Angst habe“ – sagte meine Mutter mal zu mir und das war so etwas wie ein Ritterschlag, eine Bestätigung meiner Stärke. Die Bestätigung, auf die ich immer gewartet habe, die ich nie für Leistungen, Fähigkeiten, Qualitäten oder einfach nur für mein Sein bekam. Anerkennung kriegte ich von meiner Mutter erst für meine besonders bedrohliche Art, meine heftigen Konfrontationen, und für die Härte, mit der ich meine Kämpfe führte.

„Du bist für mich wie eine Almodóvar-Frau“ – sagte sie mir mal mit Stolz in den Augen. „Wenn eine Leiche in deiner Küche liegt, weil du jemanden umgebracht hast, dann buddelst du ihn einfach ein und lebst weiter, als wäre nix gewesen. Du bist wirklich stark!“

Ich war sehr stolz darauf, meine Mutter besiegt zu haben. Das hat die Securitate nicht geschafft, die Polizei nicht, die grölenden nationalistischen Schläger im März 1990 nicht, und mein Vater schon gar nicht. Aber ich.

An diesem Mittag nahm ich mir die Bulette aus dem Haar. Meine Mutter fütterte mit Hingabe ihre Enkelin weiter und hatte etwas siegreiches in den Augen. Da schimmerte es mir, das dieser Krieg zwischen Mutter und Tochter doch noch nicht ausgestanden war.

Du liebst mich also nicht? – frage ich meine dreijährige Tochter noch mal.
Nein – antwortet sie – Und du bist nicht meine Mutter.

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6 Antworten auf Bulette im Haar

  1. Ich könnte mir vorstellen, dass es wie beim One Max ein Fingerabdrucksensor ist, nur halt über der Kameralinse, statt drunter. Da kommt man mit dem Finger auch einigermaßen vernünftig dran.

  2. Wie schön, endlich wieder eine Geschichte von Dir zu entdecken.

  3. Réka Kincses sagt:

    Was ist denn mit deinem Sohn passiert Sofasophia?

    • Sofasophia sagt:

      Oh, irgendwie wurde mir dein Kommentar nicht angezeigt und ich finde ihn erst jetzt.
      Es war ein erweiterter Suizid des verlassenen Exmannes zusammen mit meinem Sohn an dessen 3. Geburtstag (knapp 13 Jahre her) – sehr prägend war das.

  4. Boris sagt:

    Wir haben auch so eine Tochter. Trick 17: Tochter: Ich bin nicht deine Tochter etc etc… Papi: Hmmm. Weisst Du was? Du bist wirklich nicht meine Tochter, das habe ich dir noch nie erzählt… da kam jemand von einem anderen Planeten — Von da an nimmt das Gespräch eine andere Wendung.

  5. Sofasophia sagt:

    Damals, als mein Sohn noch lebte, ein paar Tage vor seinem dritten Geburtstag, sagte er: Mama, ich liebe dich nicht mehr.
    Ich hatte ihm die Hintergründe meiner Trennung von seinem Vater zu erklären versucht und eben da die Worte gebraucht, dass ich ihn (den Vater) nicht mehr liebe. Hm, klar, dass das ein Kind nicht wirklich versteht.

    Jetzt, wo ich deine Tochter reden höre, frage ich mich, ob diese Aussage vielleicht eine (altersgemässe) Art Ausdruck ihrer wachsenden Abnabelung bedeutet. Und natürlich ist es mehr. Es ist ein Fazit, wenn Kinder solche Aussagen machen.

    Danke für deinen Text.

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