Willkommenskultur

„Als feinsinnige Empathikerin… sagt dir das was?“ – Ich nicke. Habe zwar keine Ahnung, wovon sie redet, aber ich kann es mir irgendwie vorstellen. Mir sind schon alle möglichen Menschen begegnet, manche die sich nur von Licht ernährten, andere waren die Reinkarnation von Julius Caesar oder konnten genaue Hinweise über Seelenpartner geben und trugen dabei weiße Cowboystiefel mit Glitzer drauf. Ich höre aufmerksam zu, ich habe mir schließlich vorgenommen die Flüchtlingssituation zu verstehen um herauszufinden, was meine eigene Meinung dazu ist. Und sie ist die erste freiwillige Helferin, die mir über den Weg läuft, eine alternde Schönheit, mit langen, weißen Haaren. Sie ist groß und schlank mit schönem Gesicht, zartrosa Stoffmantel, teuren Stiefeln.

„Also als feinsinnige Empathikerin kriege ich ganz viel mit. Ich bin da immer herumgelaufen, zwischen den Tüchern, sie leben ja in dieser Notunterkunft nur mit Laken und Tüchern voneinander getrennt…“ – sie wirft immer wieder ungeduldig die langen Haare wie jemand, die nicht lange stehen und Auskunft geben will.

„Darf ich da mal mitkommen?“- frage ich schnell, am besten nix entgehen lassen, die Zeiten, die man mit der Recherche verbringt, zahlt einem ja schließlich keiner.

„Ich gehe da nicht mehr hin, ich habe heute meine Zusammenarbeit gekündigt!“  Das klingt so, wie etwas von großer Bedeutung für die Weltgeschichte.

Mir fällt Móric ein, der ungarische Witzheld, der dem blinden Mann gegen seinen Willen auf die andere Straßenseite helfen wollte, und fange an zu begreifen wie weit bei manchen der Wunsch zu helfen tatsächlich geht.

Die Helferin scheint durch mich hindurchzuschauen, sie ist auf der Suche nach etwas, das ich ihr ganz sicher nicht bieten kann. Denn ich komme weder aus einem Kriegsgebiet noch sieht man mir schwere Traumatisierung an. Ich bin für sie gänzlich uninteressant.

„Und was ist passiert, warum hörst du auf?“ – frage ich weiter. Sie winkt genervt ab.

„Ach… auf einmal dürften wir da nicht mehr frei herumlaufen, sie wollten uns Vorschriften machen, dass wir uns nur noch in der Vorhalle aufhalten sollen… also als Empathikerin kann ich zwischen so vielen Menschen ja gar nicht arbeiten, in der Vorhalle… das ist mir viel zu viel… “

„Und wer hat die Vorschriften gemacht?“

„Die Johanniter.“

„Aha… Und was genau hast du da gemacht, ich meine bei den Flüchtlingen?“

„Ich habe mich dort zwischen ihnen bewegt, zwischen den Flüchtlingen… und… ich kriege ganz schön viel mit… ganz schön viel… Ich habe auch häusliche Gewalt mitbekommen!

Wirkungpause. Sie seufzt vieldeutig. Häusliche Gewalt. Ja, das ist schlimm.

Bei uns zuhause gibt es sie mehrmals die Woche. Die geht meistens von mir aus. Und damit will ich häusliche Gewalt auf keinen Fall verharmlosen.

„Ganz schlimme Traumas sind hochgekommen.“ – fährt sie fort.  „Ganz- ganz schlimm! Ich habe mit ihnen viel gearbeitet! Irgendwie… geholfen.“

Ich versuche mir die Situation bildlich vorzustellen: lauter kleine, dunkelhäutige, schwer traumatisierte Schreihälse zwischen Laken, die sich eins auf die Mütze geben, dazwischen ein großer, blonder Friedensengel mit viel Empathie und in teuren Klamotten. Herrlich.

„Und was machst du beruflich sonst so?“ – frage ich weiter.

„Ich bin Heilpraktikerin“- antwortet sie nicht ohne Stolz und mit einem routinierten Lächeln.

Tja. Jetzt könnte ich sie darüber aufklären, dass ich auch Heilpraktikerin bin, habe schließlich eine abgeschlossene Heilpraktikerausbildung, und dass ich auch mit Menschen arbeite und so weiter, aber sie hat ja nur an schwer traumatisierten syrischen Flüchtlingen Interesse. Das kann ich verstehen, schließlich waren meine Freunde lange Zeit auch nur Neurotiker, Psychopathen, Borderliner, Drogensüchtige oder schwer Kranke. Alles andere ist ja auch langweilig.

„Und woher kommen die meisten Flüchtlinge?“

„Aus Syrien!“

Der Saal füllt sich inzwischen mit älteren Damen und Herren, die Kleidung lässt auf ökologisches Bewusstsein und Universitätsstudium schließen. Das sind Helfer, lauter Menschen die Flüchtlinge willkommen heißen und umsonst helfen, ganz ohne Selbstsucht, Eigennutz oder Ähnlichem. Im Gegensatz zu mir, die stets irgendein Theaterstück oder Film oder Blog im Kopf hat. Ich bewundere diese Menschen. Ich frage mich, wie sie das schaffen. Vermutlich sind sie anders erzogen worden als ich. Vielleicht mussten sie ab und zu auch mal abwaschen. Oder ihr Zimmer selbst aufräumen. Sie mussten auf ihre kleineren Geschwister aufpassen und sich sozial verhalten.

Das alles musste ich nicht. Denn wir hatten immer eine Zugehfrau, vier Großeltern und meine freiwillige Zeitmutter Manyika, die sich um uns Kinder gekümmert haben.

Das Wort „Zugehfrau“ habe ich das erste Mal bei Pumuckel gehört und mit Erleichterung festgestellt, dass es so etwas in Deutschland auch mal gegeben hat. Wenn auch lange her und in Bayern. Das ist eigentlich schade, denn so was würde ganz vielen syrischen Flüchtlingen den deutschen Arbeitsmarkt unverzüglich eröffnen. Um gut zu kochen und liebevoll zu Kindern zu sein, braucht man nämlich nicht mal die Sprache.

Meine deutschen Freunde haben aber nie eine Zugehfrau gesehen, schon gar nicht eine die jeden Tag kommt, kocht, putzt und aufräumt. Und das auch noch gerne. Sie wollen lieber alles selber machen. Selber kochen, selber putzen, ihre Wohnungen selber renovieren und ihre Regale selber aufbauen. Sie wollen keine Menschen als Bedienstete ausnutzen. Und natürlich ist Mindestlohn eine tolle Errungenschaft.

Unsere erste Zugehfrau zum Beispiel, damals noch in Rumänien, war neunzehn Jahre alt als sie zu uns kam und trug ein Kopftuch. Ihr Mann wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Diebstahl aus einem Güterzug. Mein Vater war ihr Anwalt und holte sie zu uns nach Hause, damit sie irgendwie über die Runden kommt. Sie ist heute über fünfzig und wir sind immer noch befreundet. Allerdings habe ich Jahre gebraucht, bis ich verstand, dass meine Kleider nicht von alleine sauber zusammengelegt in den Schrank wandern. In meiner ersten Studentenbude musste man einen Himalaya dreckiger Wäsche erklimmen bevor man sich aufs Sofa setzen und eine rauchen konnte.

Die willkommensfreudigen Helfer setzen sich in einen Kreis und tauschen Ideen und Erfahrungswerte aus. Sie kennen sich gut, machen Witze, planen Teeabende und Kaffeklatsch. Sie erwähnen Namen, natürlich arabische, und Ereignisse. Es geht um Insider.  Ich versteh nix, erfahre aber später ein paar Fakten.

Die Johanniter betreiben die meisten Notunterkünfte. Das hat etwas mit niedrigeren Preisen und besseren Konditionen zu tun, die sie der Stadt anbieten. Die anderen Hilfsorganisationen haben schlechte Chancen gegen sie. Es herrscht Konkurrenz auch im Helfergeschäft. Das betrifft natürlich nicht die Freiwilligen. Sie kriegen nix.  Trotzdem werden sie von den Johannitern nicht gemocht, sie schnüffeln zu viel herum und sagen, wenn was nicht richtig läuft. Also müssen sie fortan in der Vorhalle bleiben. Ich denke, ich sollte mich auch engagieren. Oder so.

Ich gehe zu der Frau hin, die sich um den Arbeitsbereich „Kunst und Kultur“ kümmert und biete ihr an mit Flüchtlingen Theater zu machen. Ich bekomme eine unklare Antwort, aus der hervorgeht, dass sich schon mehrere Schauspieler, Regisseure, Coaches  und Ähnliche gemeldet haben. Wie bei der ganz normalen Indiofamilie in den Siebzigern -  Vater, Mutter, die Kinder und der Anthroploge – so gehört heute der Künstler zu den  Flüchtlingsunterkünften.

Ich schreibe der zuständigen Frau eine Email, dass ich mich als Alltagslotse für die Flüchtlinge anbiete. Nach einer kurzen unbestimmten Antwort meldet sie sich nicht mehr. Ich schreibe der „Kunst und Kultur AG“ Frau, dass ich gerne mal mitkäme, wenn sie mit den Flüchtlingen arbeitet. Sie antwortet auch nicht mehr.

Kurz vor Weinachten ging eine Rundmail herum vom Jugendamt, ein Aufruf an nette Bürger die syrische Flüchtlingskinder über Weihnachten aufnehmen würden. Als wir uns am nächsten Tag meldeten, waren alle Kinder schon weg. Meinen Freunden, die es ebenfalls versucht hatten, erging es ähnlich.

„Man muss doch mehr von ihnen importieren, wenn die Nachfrage so groß ist“ – bemerkte lapidar mein Kumpel aus Budapest dazu. In diesem Sinne glaube ich, es kann nur heiter werden.

 

 

 

 

 

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