Die ungarische Salami

Mit der ungarischen Salami habe ich nichts zu tun. Das möchte ich gleich mal zu Anfang festhalten. Denn, die ungarische Salami kommt aus Ungarn, ich aber nicht. Damit sei alles gesagt.

Oder fast alles. Mit Marshmellows zum Beispiel habe ich auch nichts zu tun, denn sie finde ich eklig und sie kommen auch von ganz woanders.

Manchmal habe ich bei Aldi doch mit ungarischer Salami zu tun. Die befindet sich in den mittleren Regalreihen,  ganz unten. Das ist in jeder Aldi Filiale so. Sie ist eine von den billigsten Salamisorten, aber sie lohnt sich wirklich. Wegen ihrem penetranten Geschmack hält sie sich ewig,  man kann nur wenig davon essen. Das ist die Gourmet-Seite der ungarischen Salami. Aber ich will hier keine Werbung machen. Sowieso hat alles mehrere Seiten.

Neulich war ich zum Beispiel in Steckelsdorf.

Steckelsdorf ist ein Dorf direkt hinter Rathenow, welches wiederum eine Stadt  in Brandenburg ist. Brandenburg ist das Land um Berlin herum.

Steckelsdorf hat ein Eiscafé, Familienbetrieb seit 1952 mit selbstgemachtem Eis, das Eiscafé Schwarz.

Das sind so die Orte, wo ich mich in der letzten Zeit herumtreibe. Warum ich das tue, das weiß ich selber nicht. Denn, nur ich kann es wissen, aber mich kenne ich nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich mir noch nie begegnet bin. Und eine Wildfremde anzusprechen, fällt selbst mir schwer.

So sitze ich Steckelsdorf, im Eiscafé Schwarz, vor mir ein heißer Apfelstrudel, mit zwei Kugeln Vanilleeis, neben mir meine Tochter im Kinderstuhl, bis an den Haaransatz mit Erdbeersoße beschmiert, gegenüber meine Freundin P. mit einer gut erkennbaren Vokuhila , blondiert und mumifiziert seit 1986. Die Einrichtung ist in Gelbtönen gehalten, die Deckchen, die Wand, die Teppiche, alles sehr sauber und freundlich. Omas wie nach einem Fotoshoot für den Otto-Katalog, kleine Spielecke. Statt Garten ein Parkplatz mit ganz-ganz vielen Autos. Ich höre meiner Freundin P. zu. Die perfekt zu der Einrichtung passt und frage mich, wie ich hier gelandet bin.

Steckelsdorf hat einen sehr schönen Badesee, das hat mir die sehr nette Bedienung erzählt, eine kurvige Hauptstraße, große Bauernhäuser links und rechts, Brandenburger Gründerzeit, eine Gaststätte, ein ehemaliges Pionierlager und ganz viele Plakate für die NPD, praktisch auf jedem Strommast. Das ist sicher nur vorübergehend so, denn das habe ich schon mal erlebt hier, vor den letzten Wahlen. Dann sind sie verschwunden und die NPD hat nirgendwo einen nennenswerten Sieg errungen, was ich sehr schade finde. Denn die NPD sagt über andere auch nichts anderes als ich über die ungarische Salami. Kommt von woanders her, hab ich nichts mit zu tun.

Ich will hier keine Werbung für die NPD machen, aber es ist so, dass sie manchmal meine letzte Hoffnung sind. Ich hoffe nämlich, dass sie ganz stark werden und mich endlich nach Hause jagen.  Dann muss ich niemandem etwas erklären, Familie, geschenkt, denn wenn einer verfolgt wird, dann muss er fliehen. Das wissen wir mittlerweile, dass es besser ist. Dann zählt auch kein Ehemann keine Firma und nix.  Herrlich. Über Nacht Sachen packen und weg! Und dann weiß ich zumindest warum ich da bin, wo ich bin und nicht woanders.

Das hat aber nix mit der ungarischen Salami zu tun. Oder doch? Wenn alles mit allem zusammenhängt, dann steckt auch in Steckelsdorf etwas ungarische Salami. Zumindest in einer Alditüte, auf einem Küchentisch. Das sind so die Orte, wo sich Kulturen berühren.

Ich möchte sagen, ein Ausflug nach Steckelsdorf lohnt sich. Im Sommer wenn man mal nicht weiß wohin, dann auf nach Steckelsdorf.  Baden, Eis essen. Das dürfte ein Grund sein, der zumindest einen Nachmittag lang, einem sinnvoll erscheint.

 

 

 

 

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Das Putzgen

Papa, würdest du bitte die Küche fegen?- frage ich meinen Vater. Er sitzt am runden Tisch, zwischen dreckigen Tellern, abgenagten Knochen und sonstigen Resten eines Festmahls, den ich extra für ihn veranstaltet habe, denn er ist nicht alle Tage in Berlin. Er trinkt ein Schlückchen aus seinem Slivovic, atmet gut hörbar durch, wie das nur Leute mit  großem Resonanzkörper und chronisch verstopfter Nase können, und antwortet nicht.

Ich räume die Teller zusammen, werfe die Knochen weg, spüle. Mein Mann bringt die Kinder ins Bett, meine Schwester macht die Betten. Papa gießt sich wieder Schnaps ein, und schaut fröhlich in die geschäftige Runde.

„Weißt, du, was der Präsident der rumänischen Akademie für eine dunkle Gestalt ist?“ – fängt er mit seinem Lieblingsthema an, nämlich Rumänien und die Politik, und der Antidiskriminierungsrat in Bukarest, wo er als Anwalt Dauergast ist. Er vertritt Menschenrechtsverletzungen auch oft  unentgeltlich oder aus eigener Initiative. Alles und jeder, der sich rassistisch, minderheitenfeindlich oder einfach nur schwer ignorant verhält, wird von meinem Vater bei der Kommission angezeigt. An sich eine sehr ehrenwerte Sache.

„Ich meine dunkel im Kopf…“ – fährt er fort und schüttelt seinen. „Lieber Gott, in der Rumänischen Akademie herrscht noch Mittelalter…“

„Also Papa, fegst du, oder was passiert“ – ich falle ihm ins Wort und bin fest entschlossen dieser Sache mit dem Fegen heute endgültig auf den Grund zu gehen.

„Ich kann nicht fegen“ – antwortet er und das habe ich ohnehin geahnt. Denn ich sah ihn noch nie im Leben mit einem Besen in der Hand. Oder mit einem Putzlappen. Oder mit einem Waschlappen. Beim Wäschefalten, oder beim Bügeln. Umso häufiger sah ich ihn beim politische Diskurse führen, etwas rigoros zu Ende erklären, recht haben oder recht haben wollen, mit Bärenschritten und Aktentasche in der Hand durch die Straßen laufen, seinen Anwaltstalar in einer Plastiktüte baumelnd. Im Büro sitzen, und profilaktisch „Aha und Ühüm“ sagen, für den Fall, dass ihn jemand etwas gefragt hätte.

Ich sah ihn aber auch beim Rock´n Roll tanzen oder  zu viel Schnaps beim Schweinschlachten trinken. Manchmal beides zusammen.

Im Sitzklostil Skilaufen. Nach dem Mittagessen zehn Minuten schlafen, immer im Pyjama.

Vor riesigen Massen reden halten. Im Fernsehen Statements abgeben.

Aber fegen? Das nicht.

Neulich wurden dank seiner Anzeige der Bürgermeister unserer siebenbürgischen Kleinstadt, die gesamte Stadtverwaltung, ein Freizeit-Radiosender und dessen Sprecher wegen Diskriminierung zu Geldstrafen verurteilt. Und das nur, weil sein Enkelsohn, also mein Sohn, im Sommer im Freibad verloren ging und der Moderator von “Radio Ferien“ sich weigerte, einen Hilferuf auf ungarisch oder auf Deutsch zu entsenden, also auf einer Sprache, dass das betroffene Kind auch versteht. „Hier spricht man nur Rumänisch“ – donnerte er, woraufhin mein Vater einen Zettel nahm, seinen Namen aufschrieb und ging.

Ich glaube dass dieser Moderator am nächsten Tag in einen Schock verfiel, wovon er sich bis heute nicht erholt hat, als er beim morgendlichen Kaffee in die Zeitung sah und was las? Dass er einem Kleinkind in einer Notsituation die Hilfe verweigerte, im rigorosen Festhalten daran, nur rumänisch sprechen zu wollen.  Und als er dann das Radio einschaltete um stündlich die Ansage über sich selbst zu hören, und im Internet den Shitstorm sah, da brach für ihn eine Welt zusammen. Die nämlich einer rumänischen Kleinstadt, in der man alles unbestraft machen, Menschenrechte mit Füßen treten, Minderheiten diskrimnieren, Steuern hinterziehen, sich mafiös organisieren und an der Korruption beteiligen kann, ohne jemals dafür belangt zu werden. Denn nun, das erste mal in seinem Leben, wurde er für ein Unrecht, das er getan hatte, zur Rechenschaft gezogen. Und mit ihm sein Sender, die für den Sender zuständige Stadtverwaltung und der dafür zuständige Bürgermeister.

Dass dieser Moderator selber ein Ungar ist, wie sich bald herausstellte, der sich als rumänischer Nationalist ausgibt, tut nichts zur Sache. Außer, dass es die dostoiewskischen Abgründe einer Gesellschaft zeigt, in der ethnische Konflikte zur Normalität gehören.

Mein Sohn tauchte im übrigen kurze Zeit später auf, und alles war mit ihm in Ordnung.

„Ich kann’s dir zeigen, wie fegen geht.“  – sage ich meinem Vater und  denke darüber nach, dass ihm mein Lammbraten wieder nicht geschmeckt hat, und die Suppe erst recht nicht, denn er sagte ständig, dass es „interessant“ sei.

Meinen  Spielfilm verstand er auch nicht, angeblich weil dort zu Hälfte deutsch gesprochen wird. Englische Untertitel bringen da auch nichts. Die einzige Fremdsprache die er spricht ist rumänisch.

In meinem Dokumentarfilm fühlte er sich falsch dargestellt.

Den Rest hat er gar nicht gesehen.

Er fand es nur tragisch, dass nicht mal irgendwas von mir auf der Berlinale lief. Oder in Cannes. Das hätte ihm dann doch Freude bereitet, vor allem die Szene, wie ihn Leute auf dem Markt anhalten und fragen, wie es seiner Tochter geht und er darauf antwortet: Danke gut, ihr Film läuft gerade in Cannes.

Ich nehme den Besen in die Hand, und mache ein paar deutliche Bewegungen in seine Richtung.

„Lass mal. Fegen ist nichts für mich“

„Warum nicht?“

Achselzucken, schweigen.

„Ist in Ordnung, aber ich möchte zumindest von dir hören warum. Eine Erklärung wissen. Du musst dir da schon etwas dabei gedacht haben. Du hast doch immer eine logische und plausible Erklärung…. Du willst doch nicht, dass ich etwas ohne eine Erklärung einfach so akzeptiere. Schließlich glauben wir an den Lieben Gott genau aus dem Grund nicht. Weil es für seine Existenz keine Erklärung gibt.“

Mein Vater schweigt. Er grunzt und kichert in sich hinein, nervös, als würde ein kleines Männlein in einem Topf rühren, direkt unter seinem Bauchnabel.

„Ist das etwa… eine zu niedere Arbeit für dich?“

Weiteres Schweigen.

„Wenn du schweigst, dann nehme ich das als Einverständnis“.

Keine verbale Reaktion.

„Gut… Alles klar. Weiß ich Bescheid.“

Ich fege weiter, er trinkt seinen Schnaps.

„Aber, das Mama fegt, das ist nicht weiter schlimm, ja? Sie ist Professorin. Hat zweihundertfünfzig wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht. Darunter mehrere Bücher und einen Bestseller mit dem Titel „Giftige Zimmerpflanzen“. Sie ist Vorsitzende der Vereinigung „Ungarische Dozenten für die Erhaltung der Muttersprache an der Medizinisch-Pharmazeutischen Universität Targu-Mures“ . Sie kämpft für zweisprachige Tafeln an Korridorkreuzungen oder Toiletten. Das ist mindestens genauso spannend  wie ein Strandradio beim Antidiskriminierungsamt anzuzeigen…. Wo also ist der Unterschied zwischen euch, dass sie fegen soll und du nicht?“

Je länger ich nachfrage, desto lauter wird das Schweigen. Das kleine Männlein da drinnen muss mittlerweile so schnell rühren, um meine Fragen zu übertönen, dass meinem Vater buchstäblich die Ohren zuckeln, obwohl er mittlerweile kaum noch atmet um nichts von sich preiszugeben. Ich sehe plötzlich Rumpelstilzchen, das gerade gemerkt hat, das man seinen Namen weiß. Oder Gulliver im Zwergenland, der nicht weiß, wohin er treten darf.

Während ich das Kehrblech in die Mülltonne entleere, denke ich über die möglichen Erklärungen nach, warum eine Frau wie selbstverständlich manche Arbeiten macht, die wiederum ein Mann nur unter massivem Gesellschaftszwang zu tun bereit ist. Denn in einer Gesellschaft, wie die rumänische, wo keinerlei Zwang besteht, macht auch kein Mann etwas im Haushalt.

Neulich saß ich mit einem großen blonden Mann, dem Lebensgefährten meiner ungarischen Busenfreundin, einem schwedischen Künstler in einer Berliner Eckkneipe. Wir tranken und rauchten uns die Hucke voll, denn das ist ein Schwede, der säuft und raucht, als käme er aus Ost-Europa. Das finde ich sehr angenehm an ihm. Wahrscheinlich hat er sich deswegen meine Freundin, eine typische Ost-Europäerin mit einem Hang zur unnatürlichen Blondierung und Minirock mit Tigermustern ausgesucht.  Der Schwede also, der im übrigen auch schon mal in der MOMA ausgestellt hat, und in allen möglichen Themen sehr bewandert ist, so als wäre er gar kein Künstler, sondern Professor für Medizinwissenschaft, sagt auf ein Mal, und ich weiß,  gar nicht mehr, wie wir darauf kommen, dass Frauen eine besondere, angeborene Begabung fürs Putzen hätten. Genauso, wie sie einen natürlichen Mutterinstinkt besitzen, zumindest meistens. Große Werke hingegen, könnten Frauen eigentlich nicht vollbringen. Man schaue nur die Wissenschaft an, die Kunst, die Musik an. Das sei eindeutig.

Es gibt Momente, in denen sich der Teufel in Urlaub auf Alaska aufhält und ich ganz alleine bin. Das finde ich sehr schade. Denn der Hypothese des Putzgens empörtes Feministinnengerede entgegen zu setzen, beleidigt tun oder politisch korrekt zu argumentieren ist fast so, wie eine Bestätigung.  Und wer sich rechtfertigen muss, hat seine Niederlage bereits zugegeben. Also entschied ich mich, ernsthaft darüber nachzudenken, ob das stimmen könnte.

Denn, das wäre eigentlich auch putzig. Das Putzgen. Das könnte man dann auch Männern implantieren oder Embryos. Oder Tieren. Die Putzgans, zum Beispiel, wäre eine Gans, die einem die Wohnung sauber macht. Von dem genmanipulierten Hausmann der Zukunft gar nicht zu sprechen. Das könnte sogar ein Exemplar werden, der je mehr abwäscht, desto weniger sexuelle Lust besitzt, wie eine ganz normale Hausfrau eben. Eine super Vorstellung. Denn ich empfinde den postmodernen Lustzwang als ziemlich anstrengend.

Ich schaue also meinen Vater genau an und bin nicht bereit aufzuhören, denn der Teufel ist von seinem Alaska Urlaub Gott sei Dank zurückgekehrt.

„ Wenn jemand also, eine minderwertige Arbeit nicht machen muss, während die Andere ja, dann heißt es schlicht, dass diese beiden Menschen nicht gleichwertig sind…. Das heißt also, dass Mama weniger wert ist als du. Und warum? Ich kann zwischen  euch nur einen Unterschied entdecken: du bist Mann und sie ist Frau… das heißt für mich im Umkehrschluss, dass für dich Frauen weniger Wert haben, als Männer…. Nicht schlimm. Muss man nur dazu stehen.“

Stille. Mein Vater steht  langsam auf.

„Na… dann gehe ich jetzt mal schlafen. Gute Nacht“ – sagt er und verlässt leise den Raum, wie einer, der gerade aufgegeben hat.

Am nächsten Morgen herrscht fröhliche Stimmung in der Küche. Die Kinder quatschen, wir trinken Latte Macchiato, selbst gemacht. Mein Vater erscheint und setzt sich zum gedeckten Tisch. Wir reden über den Antidiskriminierungsrat und über seinen Mandanten Tökés, den Helden der Revolution, dem der rumänische Staat ungerechter Weise das Ehrenkreuz entziehen will.

Das Frühstück geht zu Ende, wie immer. Wir räumen den Tisch ab, mein Mann geht mit den Kindern, die Schwester verschwindet im Bad. Es wird stiller, ich bleibe mit meinem Vater allein.

„Ich finde es im übrigen sehr gut, dass ihr eurem Sohn beibringt, zu Hause zu helfen“ – sagt er plötzlich.

Ich schaue meinen alten Vater erstaunt an. Denn er ändert prinzipiell niemals seine Meinung. Nichts kann ihn überzeugen, wenn er etwas nicht glaubt. Und Selbstkritik übt er sowieso niemals.

„…So wie wir damals aufgewachsen sind, das geht heute nicht mehr“ – fährt er fort.

Er sucht nach Worte. Bisschen ist er verlegen. Ich warte ganz andächtig. Denn er ist grade dabei das größte Zugeständnis seines Lebens zu machen.

„Und das war auch nicht richtig…so wie wir erzogen wurden…auch Männer müssen helfen“

In der Küche ist es ziemlich warm. Aus dem Hinterhof tönen die fetzen einer Arie, der Sänger übt wieder. Und mein Vater hat grade einen Weg gefunden, etwas anzuerkennen, ohne sich selbst dabei zu verraten.

Denn fegen wird er trotzdem nicht. Nicht in diesem Leben.

 

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Leider

Leider habe ich seit einem halben Jahr keinen Blog mehr geschrieben.

Ich verbrachte die meiste Zeit in meiner alten Heimat, schrieb und inszenierte ein Theaterstück. Leider machte das, trotz Widrigkeiten und Konflikte einen so großen Spaß, dass mein angeschlagenes Liebesverhältnis zu Deutschland seinen letzten Dolchstoß erlitten hat.

Ich habe jetzt die Wahnidee, dass jeder, der etwas gelernt, Wissen und Erfahrungen gesammelt hat, das früher oder später nach Hause bringen muss. Die Heldenreise endet immer mit einer Rückkehr, der Held bringt das Elixier nach Hause. Das ist in jedem Märchen so, in jedem Mythos und so steht es auch im Dramaturgiebuch. Wenn das nicht stattfindet, dann ist entweder der Held tot, oder die Geschichte schlecht.

Ich lasse die Kreise schließen, sonst drehe ich mich im Kreis. Ich schaue nach unten.

Auf der Straße liegt kaltes, dunkles Wasser, Schlammspuren, an den Füssen Billigware, immer gründlich geputzt aber kein Design, kein feiner unsichtbarer, arschteuerer Stil, nix mit Zeit Magazin und „Entdeckungen der Woche“, statt dessen billige und politisch unkorrekte Massenware,  es riecht nach China und Indien, in den Köpfen nach einer nie hinterfragten Identität, die langsam dahinschmilzt, in ihre Einzelteile zerlegt wird, vakuumgegart, aufs Trockeneis gelegt, als Eisbein flüssig gemacht, als Kartoffelpüree lila eingefärbt.

Keine Alchemie. Molekularküche. Nur die Form ändert sich, der Inhalt bleibt.

Der Weg vom Theater nach Hause ist kurz, wie alle Wege. Das kleinstädtisch enge, kleine, überschaubare,  das dumme, vorurteilbehaftete, engstirnige, das liebe ich. Die Fehler die nie verziehen werden, der Argwohn, der einen nie verlässt,  die Kneipen, immer von den gleichen Leuten gefüllt, die mittlerweile Küssdiehand grüßen, all das gibt meiner Existenz die nötige Schwere um mich wohl zu fühlen. Kleinstadt ist, wenn man siebenundzwanzig Jahre lang nicht zum Geburtstag eingeladen wird, weil sich damals der Freund der besten Freundin, der Ehefrau des Gastgebers in einem verliebt hatte. Das ist Tradition.

Jeden Abend sitze ich in der Kneipe, wie vor siebenundzwanzig Jahren. Meine Kinder habe ich in großelterlicher Obhut gegeben, also abandonniert. Es ist die Hochphase der Arbeit, wir proben von morgens bis abends und sitzen dann bis morgens in der Kneipe. In meinem Theaterstück geht es darum, wie Mütter ihre Kinder unglücklich machen, indem sie, sie alleine lassen. Ich frage mich, ob mein Sohn schon angefangen hat seinen Theaterstück zu schreiben. Oder zumindest zu zeichnen als Comic. Die Tochter kann ja noch nicht sprechen.

Ich vermisse die Kinder nicht, das ist eine erschreckende Nachricht. Ich bin aber nicht erschrocken. Denn ich bilde mir ein,  immer jünger zu werden. Die Leute, die mir am Anfang noch küssdiehand gegrüßt haben, machen mir mittlerweile den Hof.

Es soll dir egal sein, was ich von dir denke. - schreibt er, ein super Schauspieler, kein Adonis, aber irgendwie rührend.

Warum?

Weil ich nicht derjenige bin, der dich küsst.

Du küsst doch jede.

Aber keine Ehefrauen, mit zwei Kindern.

Das ist sehr ehrenwert von dir. Und überaus weise.

Ich liebe dich…Na ja.

Was heißt  „na ja“?

Nichts. Es ist ein Füllwort.

Aha…Bist du noch da?… Bist du jetzt in Depression verfallen?

Nein, ich trinke Wein mit meinem Mitbewohner.

Wie viel habt ihr schon getrunken?

Zwei Flaschen. Jeweils.

Ach so.

Verlasse deinen Mann und brenne mit mir durch.

In Indien könnte ich deine Mutter sein.

Na und? Ich verspreche dir, dass ich bei dir bleibe, bis du fünfzig wirst.

Das finde ich eine super Aussicht. Scheidung, drei unglückliche Kinder und dann mit fünfzig alleine. Gefällt mir.

Leider war es zu Hause sehr schön. Es ist herrlich von Besoffenen umgeben zu sein und sinnloses Zeug zu reden. Sich große Gefühle einzubilden, wo eigentlich nichts ist. Dummheiten zu machen, Fehler. Sich masslos daneben zu benehmen. Skandal zu verursachen. Am nächsten Tag enttäuscht zu sein, verkatert, unglücklich, voller Weltschmerz. Dazu Tom Waits hören, Zigaretten rauchen und so viele Kaffees trinken, bis einem schlecht wird. Das gefällt mir sehr gut.

Leider bin ich jetzt wieder in meinem sehr vernünftigen Leben zurück und habe auch schon einen Lebkuchenhaus gebacken. Und einen Blog geschrieben. Wieder mal. Obwohl, viel Sinn, macht das auch nicht.

 

 

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Der Mensch ohne Kopf

Die Ungarn, die spinnen gerade. Oder was. Die haben nicht alle Tassen im Schrank. Nazis. Sind die jetzt wirklich Nazis? Und was ist mit dem Antisemitismus da? Unmöglich! Und dieser, wie heißt er noch mal, Orbán, er hat einfach die Verfassung verändert! Mit seiner Zweidrittelmehrheit. Und die Mediengesetze? In Ungarn gibt es keine Meinungsfreiheit mehr – sagen Freunde, Bekannte, egal mit wem ich spreche.

Das macht mich wütend.

Wer seid, ihr um nach zwei Zeitungsartikeln zu meinen, dass ihr Bescheid wisst? Und selbst wenn Orbán ein Diktator ist, trotzdem habt ihr keine Ahnung!

Doch wenn ich anfange zu argumentieren, werde ich mir selbst verdächtig. Ich merke, dass ich auch keine Ahnung habe. Ich habe auch nur die paar Artikel gelesen. Ich lebe seit fünfzehn Jahren in Berlin. Von hier aus ist es gut reden, heißt es.

Ungarn.

Ich komme gar nicht aus Ungarn. Ich komme aus Rumänien. Na toll. Eins besser als das Andere.

Ich rufe zu Hause an, „schaltet den Skype mal ein“ – bitte ich meinen Vater. Das dauert. Skypen mit meinen Eltern ist, wie Rauchzeichen abgeben, an einem sehr windigen Tag. Das Bild ist unscharf, wie ein impressionistisches Gemälde, mit vielen Farbflecken.

Es gibt niemand in der Gegend, der eine Kamera scharf stellen könnte. Mein Vater ist schließlich deshalb Anwalt geworden, damit er sonst nix können muss, denn ein gut verdienender Anwalt kann alle Dienstleistungen bezahlen. „Er ist aber gar nicht gut verdienend, er ist ein Loser“ – kommentiert meine Mutter sofort, sie kann’s einfach nicht lassen. Sie, die als Professorin für Toxikologie und Autorin von mehr als hundertzwanzig wissenschaftlichen Abhandlungen auch keine Computerkamera scharf stellen kann. Aus anderen Gründen: der Mann soll das machen. Auch wenn die Frau einen Doktortitel hat soll das der Mann machen. Verdammt.

Es gibt hier viel mehr Probleme mit Weltbildern  - denke ich – als Viktor Orbán. Er ist sozusagen nur die Spitze des Eisbergs. Was sagt ihr dazu?“ – frage ich, trotz mächtiger Wackelei, Gedränge und Schubserei vor der Kamera. Meine Eltern fummeln vergeblich, das Bild wird nicht besser.

„Zu was?“– antwortet meine Mutter und ich sehe ihren Kopf leider nicht, nur einen totgewaschenen Pulli, mit schwarz-weißen Tigermustern. Der Bildausschnitt endet am Hals.

„Na, dazu, dass Orbán jetzt ins Grundgesetz geschrieben hat, dass Obdachlose nicht auf der Straße übernachten dürfen.“

„Finde ich sehr gut“– sagt meine Mutter.

Meine Mutter, dass muss man dazusagen, hat einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit. Meistens. Sie hat Civilcourage. Sie setzt sich sofort ein, wenn ihr was unfair vorkommt. Sie rettete eine Bettlerin von einem prügelnden Polizisten, zu Diktaturzeiten, wo die Leute ihre Augen schlossen und lieber gegen die Wand liefen, als dem Bullen gegenüber „halt“ zu brüllen. Meine Mutter blieb stehen, und schrie so lange, bis der Polizist die Frau los lies und schnell das Weite suchte.

„Finde ich sehr gut“ – sagt sie also, und das passt so gar nicht zu ihr.

„Und wieso findest du das sehr gut? Es verletzt doch die Würde der Menschen, wenn man sie einfach so von der Straße aufsammelt, und abtransportiert wie Müll.“

„Meine Würde verletzt es aber auch, wenn ich sie ständig anschauen muss, wenn ich über Besoffene steigen muss“ – antwortet sie trotzig.

Dass Argumente sind, wie ein Einhorn an beiden Hörnern zu packen, das weiß ich. Die Ungarn sagen auch: mit Pfürzen Ostereier bemalen. Das weitere Gespräch verläuft ergebnislos. Meine Argumente greifen ins Nichts. Auch mein Vater stellt sich stur.

Ein Mensch verhält sich demokratisch, wenn er offen ist für die Argumente anderer. Demokratie fängt im Kopf an, denke ich. Und endet in der Verfassung.

Ich versuche die Argumente meiner Eltern bei den Leuten anzubringen, die die Zeitungsartikel gelesen und über Ungarn bereits eine starke Meinung haben. Auch dort lande ich nur mäßigen Erfolg. Denn Ungarn hat den Ruf ziemlich Rechts zu sein, was auch der Realität entspricht. Und ein Land, das Rechts ist,  hat´s verschissen bei den aufgeklärten Menschen. Meine Mutter sagt zwar: „Orbán hat die Banken aber besteuert und keine Kredite vom IWF aufgenommen und die Energiepreise gesenkt. Er tut was für die Menschen.“ – aber wenn ich das zitiere, dann klingt das so, als würde ich über die Autobahn sprechen im Bezug auf das dritte Reich. Nach Rechtfertigung.

Ungarn ist aber nicht das dritte Reich. Entschuldigung. Ist es nicht. Und Orbán ist auch kein Hitler. Also…. oder meint ihr das wirklich ernst mit den Vergleichen?

Ich muss mich besser erkundigen.

Und ein bisschen Angst habe ich schon. Wovor eigentlich?

Davor, dass Ungarn eine faschistische Diktatur wird? Dass dort Menschen verfolgt und umgebracht werden? Oder einfach so massiv diskriminiert, dass sie nur noch leiden? Dass mein Lieblingstheater geschlossen wird? Mein Lieblingsdirektor ist ja schon entlassen worden.

Nein. Ich glaube am meisten habe ich davor Angst, dass ich vielleicht etwas nicht sehen könnte, nicht merken, wenn’s wirklich schlimm wird. Dass ich verdränge und mich selbst belüge, wenn es darum geht, der bitteren Wahrheit in die Augen zu schauen.

Oder, dass es sich herausstellt, dass meine liberalen, demokratischen und aufgeklärten Idole auch nur engstirnige, voreingenommene Parteipolitiker sind, von Eigennutz getriebene Arschlöcher. Das wäre fatal.

Neulich habe ich gelesen, dass politische Einstellungen vererbt werden. Sie sind genetisch bedingt. Das haben amerikanische Genforscher rausgefunden und renommierte Zeitungen haben darüber berichtet. „Die Zeit“ zum Beispiel.

Wenn das so ist, dann verstehe ich die Sache mit den Argumenten sofort. Denn das würde heißen, dass es einfacher ist sein Geschlecht zu verändern, als seine politische Einstellung. Welches Hormon macht aus einem Linksliberalen einen Rechtskonservativen? Oder umgekehrt?

Nicht schlimm. Das muss man nur wissen. Bevor man sich übermäßig aufregt, über die Dummheit der Anderen.

Neulich war ich wieder die einzige, die sich für eine Gartenparty aufgebrezelt hat. Ich trug lauter Kleidungsstücke aus einer Kreuzberger Boutiqe, trotzdem sagte mir mein Mann „du siehst so rumänisch aus“.  Ist klar.  Das ungarisch-rumänische Kleinstadtgen. Das verwandelt selbst teure Designerstücke in Billigware von Russenmarkt.

Es hat alles kein Zweck. Kostet nur Geld.

Bald werde ich mich sowieso heimlich in Viktor Orbán verlieben. Ungarische Frauen über 45 sind nämlich sehr gefährdet. Und dann, dann wird alles anders. Dann hat das Gen endgültig zugeschlagen. Dann fange ich an meine Haare zu toupieren und gehe auf Demos mit riesigen hellblauen Fahnen, um für die Autonomie der Ungarn zu kämpfen.

Deshalb sage ich  jetzt schon: Adieu, es war schön mit Euch!

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Ich ärgere mich

Wenn der Mann morgens arbeiten geht, trägt er eine schicke Ledertasche, fesche Jeans und einen Motorradhelm mit Spidermanmuster.  Er duftet nach Armani, während er sich auf die rote Vespa schwingt, vor ihm unser Sohn, selbständig und groß, im gleichen Helm, wie der Papa.  Sie düsen flott durch die blühende Landschaft, Rehböcke und Kanickel springen nach links und nach rechts, wo auch immer sie entlangrasen.

Wenn ich arbeiten gehe, bin ich definitiv schon zu spät. Vorne an meinem Bauch hängt das Baby im Tragetuch, links die Wickeltasche, rechts die Computertasche, den Rolli ziehe ich hinter mir her. Mein Jackett ist bereits mit Brei beschmiert, mein Hemdkragen trägt die spuren von erbrochenen Möhren, sie ist leicht orange. Ich bin schweißgebadet, mein Lippenstift verschmiert. Ich schleppe mich zum Wagen, verstaue zuerst die Taschen, dann das Baby in seinem Sitz.

Es ist wichtig, dass ich alles in der richtigen Reihenfolge mache, sonst brüllt das Baby. Ich bin dafür zuständig, vor der Arbeit das Kind nach Berlin zur Babysitterin zu fahren, sie dort rechtzeitig abzuliefern, samt gut vorbereiteter Babytasche mit drei Mahlzeiten drinne. Das ohne Hektik. Sonst kommt das Baby schlecht drauf.

Wahrscheinlich bin ich dafür zuständig, weil ich die Mutter bin. Ich stille zwar nicht mehr, aber dieses Wickeltaschen packen, dass kann auch genetisch bedingt sein. Das ist so, weil der Mann arbeitet. Seine Arbeit ist sehr ernst. Da wird Geld verdient.

Ich dagegen arbeite nicht. Ich bin noch im Mutterschutz. Dafür bekommen wir im Monat um die 1000 Euro im Schnitt, plus Kindergeld. Das sind anderthalb Tausend, das ist mein Verdienst. Das kriege ich, weil ich mein Baby versorge. Aber das ist keine Arbeit.  Deshalb habe ich vor zwei Monaten noch einen Job angenommen, Recherche für einen Kollegen, Protagonisten suchen für einen Dokumentarfilm. Die Arbeit macht Spaß, und ich verdiene Geld. Aber das ist eben nur so Nebenbei – Arbeit, keine richtige. Frauenarbeit eben. Hauptsache Geld verdienen, ohne zu viel Zeit damit zu verbringen, weil dann müsste der Mann mit den Kindern mehr einspringen. Das kann er nicht, weil er arbeitet.

Am Tag steht mir 4 Stunden Arbeitszeit zu Verfügung. Da ist mein Baby bei der Babysitterin. Die Babysitterin ist sehr nett, ich habe sie organisiert, ich trinke mit ihr regelmäßig Kaffee, um den Kontakt zu pflegen, damit es unserem Baby immer gut geht. Ich bringe die Kleine jeden Morgen und hole sie ab. Mit Tasche versteht sich.

In den vier Stunden schreibe ich das Treatment für meinen eigenen Dokumentarfilm, weil ich ja endlich in die Pötte kommen muss, mit meinen eigenen Fähigkeiten. Bald gibt es eine Fördereinreichung, da geht es um 30 000 Euro.

„Du sollst das nicht so kompliziert machen“, sagt mein Mann, „immer dieses ewige Treatmentschreiben, da muss doch mal was zurückkommen. Sei frech, geh hin, sag ich bin gut, gibt mir 30 000,“ schlägt er vor.  Ich versuche in der Zeit, die neben meinem Job für das Treatmentschreiben übrig bleibt, so gut wie möglich zu sein.

Doch leider muss ich in dieser Zeit auch noch ein Theaterstück vorbereiten. Ich werde in Rumänien das erste Mal in meinem Leben Theater inszenieren, eine Hausdrachen-Kompilation, aus meinem Blogtexten. Das geht schon in zwei Wochen los, ich bekomme es bezahlt, es ist ein richtiger Job. Ich habe täglich fünf Minuten Zeit um das vorzubereiten. Aber man muss ja nicht so viel Heckmeck machen. Einfach gut sein, so aus dem Stehgreif.

Die beiden Kinder nehme ich mit, ich organisiere dann da unten dass sie irgendwo unterkommen, damit ich arbeiten kann. Mein Mann hat keine Zeit zu helfen. Er muss arbeiten.

Ich weiß, die Emanzipation ist ein Scheißwort und alle finden das langweilig. Doch es ist so, wenn ich als Frau arbeiten will, dann muss ich mindestens zwei, aber eigentlich drei Jobs machen. Ich bin in der Hauptsache für die Kinder zuständig. Das ist ein Job. Wenn ich das nicht will, muss ich mich andauernd und rechtzeitig ganz klar äußern, immer wissen, was ich will, einen konstruktiven Vorschlag parat haben, eine praktikable Lösung, und das im richtigen Moment vortragen, mit genug Babysitter – Nummern in meiner Tasche, nicht zu spät und nicht zu früh, im ersteren Fall ärgert sich der Mann, in dem zweiteren hat er es bereits vergessen. Das ist Arbeit. Und diese Arbeit würde ich lieber im Familienministerium machen gegen Geld.

Ich muss sagen, ich bin voll auf der Linie von Eva Herman. Babys abgeben ist Kacke. Für die Mutter und für das Kind. Die Lösung für die Gleichberechtigung sind nicht die Krippenplätze, sondern ein Mentalitätswechsel.

Warum das Baby nicht mit in die Vorstandssitzung nehmen? Da muss eben kurz mal Pause gemacht werden, wenn das Baby gestillt wird oder sonst was braucht. In dieser Zeit können die Herrschaften oder auch die Frauen eine Zigarette rauchen. Oder wenns verboten ist, einfach inne halten. Überlegen. Muße einlegen. Bestimmt ist es schwieriger zu beschließen, dass man Afghanistan bombardiert, in einem Zimmer mit einer Spielecke, wo die eigenen Kinder gerade Legotürme bauen.

Ich habe einen Spielfilm gedreht mit einer Frau die alle zwei Stunden stillen musste. Der Film ist zwar mittelmäßig geworden, aber das hat vermutlich nichts mit der stillenden Schauspielerin  zu tun. Eine andere Freundin stillte als Regisseurin während der gesamten Drehzeit.  Trotzdem sind die fertig geworden.

Zeitdruck ist völlig überwertet. Wir rennen eh in den Tod.

Für eine wirkliche Gleichberechtigung müsste sich unsere gesamte Weltanschauung ändern. Da sollten zum Beispiel an einer Vita die Lücken viel mehr interessieren, als die nahtlose Aneinanderreihung von Leistungen. Es sollte heißen: Oh, zwischen 2006 und 2011 hast du nichts gemacht? Super! Und: „Es tut mir Leid, ich habe kein Vertrauen in dich, du hast schon zu viel gemacht.“

In der Zeit, wo man nichts tut, verliebt man sich und heiratet, kriegt Kinder oder hat Affären, säuft jede Nacht bis morgens oder wandert auf dem Jakobsweg. Da, wo die Lücken sind findet das eigentliche Leben statt. Und in einer weiblichen Kultur sollte man das wissen.

So, wie wir das machen, können wir nur scheitern, Männer hassen, frustriert sein, unglückliche Kinder machen, uns erhängen. Aussterben. Da bin ich mit Eva Herman völlig auf einer Linie. Auch wenn sie im falschen Moment „Autobahn“ gesagt hat.

Johannes B. Kerner kann mich mal. Und die ganze Leistungsgesellschaft. Ich will arbeiten.

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