Bulette im Haar

„Ich bin nicht deine Tochter“ – sagt sie auf ein mal, sie dreht sich zur Seite und schaut mich entschlossen an. Wir liegen beide auf dem Bett, es ist ein friedlicher Nachmittag und wir wollen Siesta machen und etwas vorlesen.
„Nein? Wessen Tochter bist du dann?
Von Niemandem.
Und wer ist dein Vater?
Niemand.
Und dein Bruder?
Niemand.
Und deine Großmutter?
Niemand.
Und wer bist du?“

Sie sagt ihren Namen. Ihr kleiner Körper ist durchgestreckt, sie scheint augenblicklich länger geworden zu sein. Sie schaut ernst hinter ihren roten Locken und ist erst drei Jahre alt.

Bist du sauer? – frage ich, denn der Anfall kam ganz plötzlich und ohne jeden Grund.
Nein- antwortet sie – DU bist sauer.
Ich muss lachen, denn sie hat Recht. Ein Hauch von Ärger kam in mir auf, irgendwo knapp unter der Schwelle des Bewusstseins.
Sie lacht nicht zurück. Sie schaut streng, als wäre sie plötzlich in ein unsichtbares Kampffeld geraten.

Und ich liebe dich nicht – fährt sie fort.
Nicht?
Nein.

Mir fällt ein, dass sie mir, als sie noch kein Jahr alt war, mal eine Bulette gegen den Kopf geworfen hat. Einfach so, beim Mittag essen. In der Küche meiner Mutter. Die lachte und sagte. „Ich freue mich schon!“ „Worauf denn?“ – fragte ich.
Meine Mutter antworte nicht, strahlte mich nur an und hörte nicht auf zu lächeln. In mir stieg ein unangenehmes Gefühl hoch, Erinnerungen, Szenen die ich immer als meine Heldengeschichten betrachtet und stolz herumerzählt habe.
Es ist passiert, dass ich meine Mutter geschubst und durch die Wohnung verfolgt habe. Ich schlug ihr mehrmals auf den Nacken und brüllte dabei. Ich habe sie mit jeder Schwäche aufs schärfste konfrontiert, habe ihr die Salatschüssel über den Kopf gezogen und das Radio ans Bein geworfen.
„Das ist nicht normal, du solltest dich mal behandeln lassen“ – sagte mir meine gute Freundin, eine Psychiaterin. Aber ich war mir sicher, dass es gut ist was ich tue, denn sonst hätte ich meine Mutter gehasst, den Kontakt zu ihr abgebrochen oder ich hätte früher oder später den Krebs. So aber konnte ich sie zwischen den Prügeleien immer noch lieben.
Schlechtes Gewissen hatte ich nicht, sie hat mich Gott sei dank eh immer machen lassen und war nicht zimperlich.

„Du bist die einzige Person auf der Welt, vor der ich Angst habe“ – sagte meine Mutter mal zu mir und das war so etwas wie ein Ritterschlag, eine Bestätigung meiner Stärke. Die Bestätigung, auf die ich immer gewartet habe, die ich nie für Leistungen, Fähigkeiten, Qualitäten oder einfach nur für mein Sein bekam. Anerkennung kriegte ich von meiner Mutter erst für meine besonders bedrohliche Art, meine heftigen Konfrontationen, und für die Härte, mit der ich meine Kämpfe führte.

„Du bist für mich wie eine Almodóvar-Frau“ – sagte sie mir mal mit Stolz in den Augen. „Wenn eine Leiche in deiner Küche liegt, weil du jemanden umgebracht hast, dann buddelst du ihn einfach ein und lebst weiter, als wäre nix gewesen. Du bist wirklich stark!“

Ich war sehr stolz darauf, meine Mutter besiegt zu haben. Das hat die Securitate nicht geschafft, die Polizei nicht, die grölenden nationalistischen Schläger im März 1990 nicht, und mein Vater schon gar nicht. Aber ich.

An diesem Mittag nahm ich mir die Bulette aus dem Haar. Meine Mutter fütterte mit Hingabe ihre Enkelin weiter und hatte etwas siegreiches in den Augen. Da schimmerte es mir, das dieser Krieg zwischen Mutter und Tochter doch noch nicht ausgestanden war.

Du liebst mich also nicht? – frage ich meine dreijährige Tochter noch mal.
Nein – antwortet sie – Und du bist nicht meine Mutter.

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Willkommenskultur

„Als feinsinnige Empathikerin… sagt dir das was?“ – Ich nicke. Habe zwar keine Ahnung, wovon sie redet, aber ich kann es mir irgendwie vorstellen. Mir sind schon alle möglichen Menschen begegnet, manche die sich nur von Licht ernährten, andere waren die Reinkarnation von Julius Caesar oder konnten genaue Hinweise über Seelenpartner geben und trugen dabei weiße Cowboystiefel mit Glitzer drauf. Ich höre aufmerksam zu, ich habe mir schließlich vorgenommen die Flüchtlingssituation zu verstehen um herauszufinden, was meine eigene Meinung dazu ist. Und sie ist die erste freiwillige Helferin, die mir über den Weg läuft, eine alternde Schönheit, mit langen, weißen Haaren. Sie ist groß und schlank mit schönem Gesicht, zartrosa Stoffmantel, teuren Stiefeln.

„Also als feinsinnige Empathikerin kriege ich ganz viel mit. Ich bin da immer herumgelaufen, zwischen den Tüchern, sie leben ja in dieser Notunterkunft nur mit Laken und Tüchern voneinander getrennt…“ – sie wirft immer wieder ungeduldig die langen Haare wie jemand, die nicht lange stehen und Auskunft geben will.

„Darf ich da mal mitkommen?“- frage ich schnell, am besten nix entgehen lassen, die Zeiten, die man mit der Recherche verbringt, zahlt einem ja schließlich keiner.

„Ich gehe da nicht mehr hin, ich habe heute meine Zusammenarbeit gekündigt!“  Das klingt so, wie etwas von großer Bedeutung für die Weltgeschichte.

Mir fällt Móric ein, der ungarische Witzheld, der dem blinden Mann gegen seinen Willen auf die andere Straßenseite helfen wollte, und fange an zu begreifen wie weit bei manchen der Wunsch zu helfen tatsächlich geht.

Die Helferin scheint durch mich hindurchzuschauen, sie ist auf der Suche nach etwas, das ich ihr ganz sicher nicht bieten kann. Denn ich komme weder aus einem Kriegsgebiet noch sieht man mir schwere Traumatisierung an. Ich bin für sie gänzlich uninteressant.

„Und was ist passiert, warum hörst du auf?“ – frage ich weiter. Sie winkt genervt ab.

„Ach… auf einmal dürften wir da nicht mehr frei herumlaufen, sie wollten uns Vorschriften machen, dass wir uns nur noch in der Vorhalle aufhalten sollen… also als Empathikerin kann ich zwischen so vielen Menschen ja gar nicht arbeiten, in der Vorhalle… das ist mir viel zu viel… “

„Und wer hat die Vorschriften gemacht?“

„Die Johanniter.“

„Aha… Und was genau hast du da gemacht, ich meine bei den Flüchtlingen?“

„Ich habe mich dort zwischen ihnen bewegt, zwischen den Flüchtlingen… und… ich kriege ganz schön viel mit… ganz schön viel… Ich habe auch häusliche Gewalt mitbekommen!

Wirkungpause. Sie seufzt vieldeutig. Häusliche Gewalt. Ja, das ist schlimm.

Bei uns zuhause gibt es sie mehrmals die Woche. Die geht meistens von mir aus. Und damit will ich häusliche Gewalt auf keinen Fall verharmlosen.

„Ganz schlimme Traumas sind hochgekommen.“ – fährt sie fort.  „Ganz- ganz schlimm! Ich habe mit ihnen viel gearbeitet! Irgendwie… geholfen.“

Ich versuche mir die Situation bildlich vorzustellen: lauter kleine, dunkelhäutige, schwer traumatisierte Schreihälse zwischen Laken, die sich eins auf die Mütze geben, dazwischen ein großer, blonder Friedensengel mit viel Empathie und in teuren Klamotten. Herrlich.

„Und was machst du beruflich sonst so?“ – frage ich weiter.

„Ich bin Heilpraktikerin“- antwortet sie nicht ohne Stolz und mit einem routinierten Lächeln.

Tja. Jetzt könnte ich sie darüber aufklären, dass ich auch Heilpraktikerin bin, habe schließlich eine abgeschlossene Heilpraktikerausbildung, und dass ich auch mit Menschen arbeite und so weiter, aber sie hat ja nur an schwer traumatisierten syrischen Flüchtlingen Interesse. Das kann ich verstehen, schließlich waren meine Freunde lange Zeit auch nur Neurotiker, Psychopathen, Borderliner, Drogensüchtige oder schwer Kranke. Alles andere ist ja auch langweilig.

„Und woher kommen die meisten Flüchtlinge?“

„Aus Syrien!“

Der Saal füllt sich inzwischen mit älteren Damen und Herren, die Kleidung lässt auf ökologisches Bewusstsein und Universitätsstudium schließen. Das sind Helfer, lauter Menschen die Flüchtlinge willkommen heißen und umsonst helfen, ganz ohne Selbstsucht, Eigennutz oder Ähnlichem. Im Gegensatz zu mir, die stets irgendein Theaterstück oder Film oder Blog im Kopf hat. Ich bewundere diese Menschen. Ich frage mich, wie sie das schaffen. Vermutlich sind sie anders erzogen worden als ich. Vielleicht mussten sie ab und zu auch mal abwaschen. Oder ihr Zimmer selbst aufräumen. Sie mussten auf ihre kleineren Geschwister aufpassen und sich sozial verhalten.

Das alles musste ich nicht. Denn wir hatten immer eine Zugehfrau, vier Großeltern und meine freiwillige Zeitmutter Manyika, die sich um uns Kinder gekümmert haben.

Das Wort „Zugehfrau“ habe ich das erste Mal bei Pumuckel gehört und mit Erleichterung festgestellt, dass es so etwas in Deutschland auch mal gegeben hat. Wenn auch lange her und in Bayern. Das ist eigentlich schade, denn so was würde ganz vielen syrischen Flüchtlingen den deutschen Arbeitsmarkt unverzüglich eröffnen. Um gut zu kochen und liebevoll zu Kindern zu sein, braucht man nämlich nicht mal die Sprache.

Meine deutschen Freunde haben aber nie eine Zugehfrau gesehen, schon gar nicht eine die jeden Tag kommt, kocht, putzt und aufräumt. Und das auch noch gerne. Sie wollen lieber alles selber machen. Selber kochen, selber putzen, ihre Wohnungen selber renovieren und ihre Regale selber aufbauen. Sie wollen keine Menschen als Bedienstete ausnutzen. Und natürlich ist Mindestlohn eine tolle Errungenschaft.

Unsere erste Zugehfrau zum Beispiel, damals noch in Rumänien, war neunzehn Jahre alt als sie zu uns kam und trug ein Kopftuch. Ihr Mann wurde zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt, wegen Diebstahl aus einem Güterzug. Mein Vater war ihr Anwalt und holte sie zu uns nach Hause, damit sie irgendwie über die Runden kommt. Sie ist heute über fünfzig und wir sind immer noch befreundet. Allerdings habe ich Jahre gebraucht, bis ich verstand, dass meine Kleider nicht von alleine sauber zusammengelegt in den Schrank wandern. In meiner ersten Studentenbude musste man einen Himalaya dreckiger Wäsche erklimmen bevor man sich aufs Sofa setzen und eine rauchen konnte.

Die willkommensfreudigen Helfer setzen sich in einen Kreis und tauschen Ideen und Erfahrungswerte aus. Sie kennen sich gut, machen Witze, planen Teeabende und Kaffeklatsch. Sie erwähnen Namen, natürlich arabische, und Ereignisse. Es geht um Insider.  Ich versteh nix, erfahre aber später ein paar Fakten.

Die Johanniter betreiben die meisten Notunterkünfte. Das hat etwas mit niedrigeren Preisen und besseren Konditionen zu tun, die sie der Stadt anbieten. Die anderen Hilfsorganisationen haben schlechte Chancen gegen sie. Es herrscht Konkurrenz auch im Helfergeschäft. Das betrifft natürlich nicht die Freiwilligen. Sie kriegen nix.  Trotzdem werden sie von den Johannitern nicht gemocht, sie schnüffeln zu viel herum und sagen, wenn was nicht richtig läuft. Also müssen sie fortan in der Vorhalle bleiben. Ich denke, ich sollte mich auch engagieren. Oder so.

Ich gehe zu der Frau hin, die sich um den Arbeitsbereich „Kunst und Kultur“ kümmert und biete ihr an mit Flüchtlingen Theater zu machen. Ich bekomme eine unklare Antwort, aus der hervorgeht, dass sich schon mehrere Schauspieler, Regisseure, Coaches  und Ähnliche gemeldet haben. Wie bei der ganz normalen Indiofamilie in den Siebzigern -  Vater, Mutter, die Kinder und der Anthroploge – so gehört heute der Künstler zu den  Flüchtlingsunterkünften.

Ich schreibe der zuständigen Frau eine Email, dass ich mich als Alltagslotse für die Flüchtlinge anbiete. Nach einer kurzen unbestimmten Antwort meldet sie sich nicht mehr. Ich schreibe der „Kunst und Kultur AG“ Frau, dass ich gerne mal mitkäme, wenn sie mit den Flüchtlingen arbeitet. Sie antwortet auch nicht mehr.

Kurz vor Weinachten ging eine Rundmail herum vom Jugendamt, ein Aufruf an nette Bürger die syrische Flüchtlingskinder über Weihnachten aufnehmen würden. Als wir uns am nächsten Tag meldeten, waren alle Kinder schon weg. Meinen Freunden, die es ebenfalls versucht hatten, erging es ähnlich.

„Man muss doch mehr von ihnen importieren, wenn die Nachfrage so groß ist“ – bemerkte lapidar mein Kumpel aus Budapest dazu. In diesem Sinne glaube ich, es kann nur heiter werden.

 

 

 

 

 

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Schweinefleisch

Ich sitze im Auto, es ist kalt draußen, ein bisschen neblig, aber die Morgensonne kommt schon durch. Die Felder sind wie üblich von betörender Schönheit, was nichts an der Tatsache ändert dass mir eine Stimme ständig „ wie bist du hier gelandet? Was hast du hier verloren?“ zuflüstert. An die habe ich mich schon gewöhnt, die ist beständig da, wenn ich alleine herumfahre, also mehrere Stunden am Tag. Um sie nicht so laut zu hören läuft bei mir immer das Autoradio. Als Nebeneffekt bin ich bestens über Kunst und Kultur informiert und über die Veranstaltungen die ich alle nicht besuchen kann.

Gerade habe ich mein Kind in die Kita gebracht, das andere Kind ist in der Schule und der Ehemann in seiner Firma. Ich habe einen ganz langen, eventuell sogar sonnigen Tag vor mir, um Arbeit zu verrichten, nach der mich keiner gefragt hat, und bei der es fraglich ist ob sich überhaupt irgendjemand dafür interessieren wird, geschweige denn sie bezahlen. Als freiberuflich künstlerisch tätiger Mensch habe ich heute jede Menge Zeit um mich selbst zu verwirklichen.

Ich biege in unsere schöne Straße ein und parke vor unserem wunderschönen Haus. Mich tröstet es nur selten dass das Haus schön ist, eine gewisse Undankbarkeit sitzt bei mir tief und sie ist schwer rauszukriegen. Wer ein Haus hat der ist irgendwie angekommen, denke ich. So jemand scheint eine Heimat zu haben. Ich aber bin hier nicht zu Hause und möchte es auch nicht sein. Ich will zu Hause zu Hause sein.

Ich schalte den Motor ab. Vogelgezwitscher. Im Radio kommt wieder etwas über die Flüchtlingskrise. Ich drehe das Gerät lauter, denen geht’s schließlich viel schlechter als mir, das bringt mich von meinen quälenden Gedanken weg.
Die CDU aus Schleswig-Holstein sorgt sich um das Schweinefleisch – höre ich – dieses deutsche Kulturgut, das gerade aus den Kantinen verdrängt wird, natürlich wegen muslimischer Zuwanderung. Sehr interessant. Und tatsächlich meldet sich die Chefredakteurin der Berliner Zeitung zum Kommentar. Sie findet es unmöglich, dass jetzt das Schweinefleisch als Teil der deutschen Kultur betrachtet wird, etwa mit Goethe und Mozart auf die gleiche Ebene. Ist die CDU wieder mal plemplem? – fragt sie sich.

Ich nehme die Einkaufstüte in die Hand um auszusteigen und denke daran, dass ich während meines frühzeitig abgebrochenem Anthropologiestudiums mal was darüber gelesen habe. Ich las, dass Menschen in ihren Essgewohnheiten am konservativsten sind. Essgewohnheiten hielten sich länger als die Sprache oder die Religion, hieß es dort. Das hat mich damals aus mehreren Gründen sehr überzeugt. Erstens erinnerte es mich an die armenische Familie meiner Mutter. Sie sind im siebzehnten Jahrhundert nach Siebenbürgen eingewandert und heirateten all die Jahrhunderte ausschließlich untereinander um die Kultur zu bewahren. Doch am Ende ist nur die große Nase und eine grüne armenische Suppe Namens Angadjabur erhalten geblieben. Sonst ist alles verloren gegangen, die Sprache, die Religion, die Bräuche.

Es ist also auch in Deutschland so weit, auf ein mal denkt man über Essgewohnheiten nach. Die Deutschen sind gezwungen in Kategorien zu denken, die sie längst loshaben wollten. Sie müssen sich unweigerlich fragen was „deutsch“ ist oder nicht.

Ich habe mich das schon Anfang der Neunziger gefragt, als ich hierher kam. Und das war nicht einfach zu definieren. Es war an Ende mehr eine bestimmte Art, ein bestimmter Geschmack, etwas subtiles und schwerer Fassbares als ein  Gericht. Meine deutschen Freunde mögen kein deutsches Essen und auch kein Schweinefleisch. Aber die sind wohl nicht ausschlaggebend.

Hier auf dem Dorf isst der typische deutsche Landwirt bestimmt gerne Kassler mit Sauerkraut. Sonst hockt er vor dem Fernseher, bekommt Hartz4 und fährt einmal die Woche zu Aldi. Er ist nämlich schon lange kein Landwirt mehr. Er hat keinen Bezug zur Erde, zur Natur, zu den Tieren, zu Traditionen. Er hat keine Bräuche mehr. Aber er hat noch den Kassler.

Einmal bin ich ins Heimatmusen Friesack gegangen weil ich eine örtliche Tracht sehen wollte, ich dachte, so würde ich ein Gefühl kriegen für die Geschichte des Ortes. Sie konnten mir leider auch keine Auskunft darüber geben und frage mich was der Flüchtling aus dem Nahen-Osten wohl denkt, wenn er so hinter Nauen aus dem Zugfenster schaut: leere Dörfer, leere Straßen ohne Dorfkneipe, ohne Dorfladen oder Dorfleben. Keine Pfeife rauchenden Männer, keine Kinderscharen, keine schwätzenden Frauen. Keine Kühe oder Hunde oder andere frei laufende Tiere. Kein Müll, kein aufsteigender Rauch, kein Feuergeruch.

Flachland mit Windrädern und Industrie.

„Es hagelt zumindest keine Bomben.“ – muss sich der Flüchtling dann immer wieder sagen, damit er sich freut. Dankbar sein, dass ihm der Himmel nicht auf dem Kopf fällt, während er in den brandenburgischen Spätwinter hinaus starrt.

Ich sehe diesen Flüchtling oft in der Regionalbahn. Meistens ist er mehrere und Männer und er freut sich kaum. Er ist unrasiert, trägt Plastiktüten, und sieht so ähnlich aus, wie ein Rumäne. Es ist ein bisschen so, als hätte mich meine alte Heimat wieder eingeholt. Ich habe diese Tütenmänner wieder an der Backe. Nur sprechen die jetzt auf ein mal alle Arabisch.

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Zwerg mit Zahnlücke

„Und was sagen Sie zu der Flüchtlingskrise?“ – fragt meine Mutter, die schwarzen Haare stramm toupiert, der Lidschatten leuchtend grün, knallroter Lippenstift bedeckt die Vorderzähne. Auf ihre Frage folgt betretene Stille, drei deutsche Frauen schauen uns mit blauen Augen an und überlegen. Eine von ihnen ist meine älteste Freundin aus Berlin, ihre Mutter und ihre Schwägerin sind auch dabei. Mutter und Tochter schlank und sportlich, schlicht gekleidet, Hose, weißes Hemd, dagegen ist meine Mutter eine Matrone, in schwarz mit Glitzer, eine orientalische Erscheinung, die grade fünfundsiebzig Jahre alt geworden ist und ohne Falten im Gesicht.

„Diese deutschen Weiber sind alle sehr hübsch, auch die Alte, schlank, beweglich, keiner hat hier so einen dicken Arsch, wie wir“- bemerkt meine Mutter während meine Freundin eine gut überlegte Antwort zur Flüchtlingskrise ansteuert.

Sie sagt etwas sehr Intelligentes, etwas über die Folgen von Kolonialismus und europäischer Wirtschaftspolitik. Sie hat mal Ethnologie studiert, sie versteht was von tieferen Zusammenhängen. Ich finde es sehr interessant, was sie sagt, und bin ein bisschen aufgeregt. Es ist nicht das erste mal, dass meine Mutter diese Frage stellt, seit Tagen höre ich nichts anderes von ihr, sobald sie einen Deutschen sieht, fragt sie ihn nach der Flüchtlingskrise. Und ich muss übersetzen.

Meine Mutter ist politisch sehr interessiert. Seit sie in den Ruhestand gegangen ist, schaut sie sich jede Stunde im Fernsehen die Nachrichten an. Dabei trägt sie einen mehrfach geflickten Morgenmantel, Lockenwickler und isst Salzstangen. Die Salzstangen werden für sie extra von ihrer Haushälterin Edith zubereitet, sie hofft, wenn sie Salziges, statt Süßes nascht, wächst der Arsch langsamer. Zwischen den Nachrichten goutiert sie die politischen Talksendungen, Diskussionsrunden und Dokumentationen. Sie kennt alle Abgeordneten des Europaparlaments, Mitglieder des Europarates, des UN-Sicherheitsrates, der US-Regierung, der iranischen, irakischen, afghanischen, russischen  und israelischen Regierung, gefühlt persönlich. Sie schaut fünf rumänische und fünf ungarische Sender abwechselnd, sowohl staatliche als auch private. Mein Mann sagte einmal, ihre Kommentare solle man live schalten.

Weihnachten fing mit der Frage an meinen Mann an, der nach einem kurzen Seufzer seine absolute Solidarität mit der Kanzlerpolitik bezeugte. „Deutschland ist ein starkes Land, ein reiches Land. Deutschland kann helfen“ – sagte er, und meine Mutter hörte vollkommen unbeeindruckt zu. Mein Mann hält meine Mutter für eine ungarische Nationalistin, meine Mutter hält ihn für einen deutschen Schnösel, der ein bisschen ungebildet ist und keine Ahnung hat. Die beiden mögen sich.

„Aber wenn seine  Tochter Ungarisch besser kann als Deutsch, dann kriegt er Panik, obwohl er nix vom Nationalismus hält. Es gibt keine schlimmeren Rassisten als die Liberalen. Die wissen es nicht mal, dass sie es sind.“

Das ging so weiter mit meiner Schwiegermutter, ihrer Mitbewohnerin, unseren Nachbarn im Dorf, den Freunden meiner Schwester. Alle Deutschen mussten die Fragen meiner Mutter zur Flüchtlingspolitik beantworten. Mir war schnell klar, dass jeder das Gleiche sagt. Ihr leider auch. Denn es folgte ein Wasserfall von Spott.

„Die sind ganz schön eingebildet diese Deutschen. Deutschland ist reich, Deutschland ist stark. Die haben wohl die Nase ganz schön oben. Ich glaube nicht daran, dass Menschen so gut sind. “

„Deutschland ist ein reiches Land, ein starkes Land. Deutschland kann helfen“ – höre ich jetzt meine Freundin auch. Oh Gott denke ich, jetzt wird es schlimm, denn die Nacht, wo wir über die hirngewaschenen Deutschen diskutierten, ging so weiter:

Réka: Es kann nicht sein, dass ihr Null, aber auch Zero Mitgefühl habt. Dass es Euch scheißegal ist, dass diese Leute dem Tod von der Schippe springen, dass dort kleine Kinder und alte Leute…

Mutter: Kämpfen sollen die! Kämpfen um ihre Heimat! Was tun! Nicht einfach weglaufen!

Réka : Wie kannst du erwarten, dass Leute sterben, nur um…

Mutter: Die ganzen jungen Männer die sollten zu Hause für Freiheit kämpfen!

Reka: Und die Kinder? Und die Frauen?

Mutter: Ich bin auch nicht weggerannt und habe vierzig Jahre in einer Diktatur gelebt und war verfolgt!

Rèka: Aber Papa ist weggerannt, er war sechs Jahre lang politischer Flüchtling!

Mutter: Das ist was anderes!

Réka: Nein!

Mutter: Doch!

Réka: Nein!

Mutter: Doch!

Meine Mutter schaut wütend drein. Stur. Entschlossen bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Niemals aufzugeben. Ganz schlimme Sachen zu sagen. Nix Mitgefühl. Krepieren.

Ich weiss schon lange, dass solche Gespräche nichts bringen. Ich höre auf und spüre, wie mir langsam die Tränen kommen.

Früher war meine Mutter eine leidenschaftliche Feindin des Kommunismus, ein stadtbekanntes Großmaul in Sachen Gerechtigkeit. Sie verteidigte Roma, die von der Polizei schlecht behandelt wurden, sie setzte sich für Rechtsstaatlichkeit ein, gegen Korruption und vor allem für die Rechte unserer armen, diskriminierten ungarischen Minderheit. Diese Gespräche über den Schmerz der Anderen führte ich mit ihr oft. Das kommt sogar in meinem Dokumentarfilm Balkan Champion vor. Dort habe ich Mitgefühl für die Rumänen, für die arme Mehrheit. Die hätten schließlich auch ihre Traumata. Wir beschimpfen uns gegenseitig als Faschisten, das Gespräch endet damit, dass ich aus ihrem Fernsehzimmer fliege. Anschließend nuckelt meine Mutter an einer Fischpastetentube, und das ganze Kino lacht.

Einmal, das ist lange her, haben wir uns über die Unterdrückung der Afrikaner so in die Haare gekriegt, dass ich eine halbe Nacht lang geweint habe. Danach besuchte mich im Traum ein Zwerg. Es war ein charismatischer und schöner Zwerg mit Zipfelmütze. Er schaute mich mit leuchtenden Augen an und lächelte. Ich sah zu meiner großen Überraschung, dass ihm vorne ein Zahn fehlt. Es war ein Zwergenkind mit Zahlücke.

Dieses Zwergenkind, taucht bei mir immer auf,  wenn es um Unterdrückte und Verfolgte geht. Es bringt mich dazu, zu weinen und das sind keine Tränen des Selbstmitleids. Es hat was mit Mitgefühl zu tun.

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20. März

Ich laufe zum Hauptplatz in die Menge hinein und bleibe stehen. Um mich herum wird wild gebrüllt. „Nieder mit ihm!“ –„Verschwinde Verräter“, Buhrufe und Schimpftiraden. Mein Vater steht auf  dem Steinbalkon des schönen, alten Rathauses  mit seinen Jugendstiltulpen. Grauer Märzhimmel, es weht ein eisiger Wind, der Hauptplatz ist mit Menschen gefüllt. In allen Fensterfronten hängen Menschentrauben, viele tragen noch ihre Wintermützen aus schwarzem Schafsfell, grimmige Gesichter, zwischen Barock und Jugendstil, altem Stuck und kaputtem Putz. Die Spuren einer vielversprechenden Vergangenheit, aus der nichts wurde. Mein Vater versucht etwas zu sagen, seine Stimme wird im Grölen und Beschimpfungen erstickt. Die spärlichen Haare kleben flach über seinem Schädel, eine  „Telefonfrisur“, sagt meine Mutter; sein  altes, grün-blaues Karojackett ist an den Ärmeln ausgebeult und zu kurz, die große Brille bedeckt halb sein gequältes Gesicht. Er versucht der Masse zu trotzen und redet weiter, man hört ihn nicht, sieht nur seine Mundbewegung, wie ein Fisch auf dem Trockenen,  es ist klar, dass es nicht lange gut gehen wird. Die Masse kann in das Gebäude eindringen und er wird in so viele kleine Teile gerissen wie die Karos auf seiner Jacke, und dann war´s das mit meinem Vater, tschüss, vor drei Monaten noch ein Held, bald ist er tot und meine Mutter gibt bestimmt kein gutes Bild ab als Witwe, und wir sind Kriegswaisen oder man bringt uns auch um.  Ich fühle mich als würde jemand kaltes, flüssiges Blei durch meine Adern fließen lassen, intravenös, ich werde vollkommen eingegossen in eine unendliche kalte Schwere, ich bewege mich nicht mehr und höre auf zu atmen. Ich starre meinen Vater an, als könnte mein Blick ihn schützen, dann in die schreienden Gesichter, offene Münder, bitte nicht umbringen, ich bin schließlich die Tochter und niemand will vor Zeugen töten. Doch niemand erkennt mich, niemand sieht mich. Durch den Lautsprecher rauschen Wortfetzen meines Vaters: „die Securitate und das Militär und die alten Machthaber… heizen die nationalistischen Gefühle an… um von sich selbst abzulenken … ihre Macht wieder zu stabilisieren… ich bin  Opfer einer Hetzkampagne… bitte hört mich an…“

Jemand berührt meinen Arm und lächelt freundlich. Ich zucke zusammen. Es ist Rita, meine Literaturlehrerin. Sie nimmt mich sanft an die Hand „komm mit, komm mal mit“ – und führt mich aus der Menge raus, ich folge ihr, wie fremdgesteuert, sie ist winzig klein und blond, ihre Lippen schwarz vom vielen Rauchen. Sie begleitet mich lächelnd, mit leichten Schritten. „Was machen wir jetzt“ – frage ich und finde es ganz erstaunlich, dass sie lächelt, vielleicht ist sie verrückt geworden, denke ich – „Wir gehen jetzt schön nach Hause“ – sagt sie, und das Lächeln weicht ihr nicht von dem Gesicht.

Wir laufen die kleinen Straßen entlang, nach Hause. Tante Rita an meiner Seite.  Der Bürgersteig ist schmal und an vielen Stellen aufgebrochen. Ich kenne jede kleine Ritze, jedes Blumenbeet an den Seiten, die Krokusse blühen schon,  obwohl es kalt ist, die Sträucher sind voller Knospen und leuchten hellgrün. Es riecht nach nasser Erde, nach Blumen und Schlachthof. Die Einfamilienhäuser sind hoch umzäunt, die Gärten dahinter kann man nur erahnen, aber ich weiß , wie sie aussehen, ich kenne die Rosen, den Flieder, die Hortensien und den Wein über jeder Veranda, jeden mit Plastik bedeckten Gartentisch. Vom Hauptplatz hört man die Menge immer noch grölen.

Piri, unsere Haushälterin mit hübschem Gesicht und dickem Arsch, öffnet die Tür. Ich sehe den verschmierten Lippenstift um den Mund und die wuscheligen Haare, mit einer flachen Stelle am Hinterkopf, als wäre sie grade  aufgestanden. „Piri ist nicht ganz koscher“ – pflegt meine Mutter zu sagen, „wer weiß, was sie den ganzen Tag macht“, aber ich will es nicht hören, weil ich sie mag. Sie läuft vor uns in die Küche, sie scheint ganz entspannt zu sein, als wäre sie im Urlaub und nicht in einem wild gewordenen post-kommunistischen Kaff, mit zwei Nationalitäten die sich hassen, und die die Last von vierzig Jahren Unterdrückung genau heute oder morgen loswerden wollen und sich schon mal warmbrüllen und warmschwingen mit Stöcken und Knüppeln für die ganz große Befreiung, nach der nichts mehr übrig bleiben wird. Und das zwei Straßen weiter auf unserem Hauptplatz. Die Wohnung ist aufgeräumt und die Suppe muss schon seit längerem fertig sein. Eine dünne Fettschicht liegt auf ihrer Oberfläche, wie die Haut einer alten Frau. Ich setze mich, Tante Rita auch, sie will nichts essen, aber gehen will sie auch nicht, ich glaube sie macht sich Sorgen um mich. Sie zündet sich eine Zigarette an und ich löffele die gelbe, lauwarme Suppe, die genauso schmeckt wie alle anderen Suppen hier, Piri kocht wie alle anderen Frauen vom Dorf, die bei uns kochen, seit ich mich erinnern kann, weil meine Mutter sich aus Prinzip nicht um den Haushalt kümmert. Ich lächele Piri an, sie zwinkert mir zu: „Schmeckt es?“ – fragt sie und strahlt und ich nicke. Es schmeckt mir wirklich, dieser Geschmack ist für mich Heimat, auch die Fetthaut auf der Oberfläche. Ich weiß es nicht, dass ich  Piri  heute das letzte Mal sehe, dass sie gehen, ein wenig Goldschmuck mitnehmen und nicht wiederkommen wird, genauso wie viele enge Freunde, die uns ab heute nie wieder besuchen und die uns nicht mehr anrufen werden. Es wird nichts mehr sein wie es war und keiner weiß es. Ich schaue auf die sonnendurchflutete Terrasse und löffele die Suppe aus. Das Ende meiner alten Welt ist strahlend und schmeckt nach Mehlschwitze.

 

Heute vor 25 Jahren, am 20. März 1990 gab es in meiner Heimatstadt Targu-Mures, Rumänien, nach langen Monaten von Protesten, Demos und Gegendemos, sowie nach einer pogromartigen Ausschreitung gegen die ungarische Bevölkerung am 19. März eine blutige Straßenschlacht zwischen Rumänen und Ungarn. Militär und Polizei haben die Eskalation nicht verhindert, sondern mit angeheizt. Es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Warum das alles passiert ist, darüber wurde viel geschrieben. Filme wurden gedreht. Für mich ist dieser Tag aber Familiengeschichte. Mein Vater musste fliehen, er kam Jahre später wieder, als seine Töchter schon erwachsen und nicht mehr zu Hause waren. Alle Machtstrukturen haben sich neu formiert. Alte Freundschaften lösten sich auf.  Die Ungarn und die Rumänen flüchteten in parallele Welten, um ihren Hass seltener spüren zu müssen. Und Rumänien ist immer noch ein rassistisches Land.

Der 20. März 1990 war für mich und für viele andere einer dieser Tage, an denen eine Welt aufhört zu existieren. In diesem Fall die Welt einer friedlichen, kleinbürgerlichen, siebenbürgischen Stadt mit ihren durch den Kommunismus konservierten, alten Werten.

Es war besonders warm und sonnig. Ohne Sonnenfinsternis.

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