Baba Jaga (Der Dichter 3)

Es war ein Vormittag, als das Telefon klingelte. Tante Edith gab mir den Hörer. Nach kurzem Schweigen sagte der Dichter, dass er der Dichter sei, und zwar hier in der Nähe, in der Wohnung  eines Freundes. Mehr sagte er nicht, aber dieses Schweigen, das wusste ich mittlerweile, konnte mehrere Gedichtbände schwer sein. Unter dem Motto: „Ich schenke Dir einen Elefanten, trage ihn in deinem Herzen. Meins ist auch schwer.“  Ich zog mein schwarz- grau gestreiftes Kostüm an, ein Geschenk von Tante Gizi, Mutters blondierter Freundin aus Deutschland. Dieses Kostüm – langer Rock und Sakko mit ordentlichen Schulterpolstern und Fellkragen – fanden alle ganz heiß und es gab keine Freundin, die es sich nicht mindestens schon einmal ausgeliehen hätte. Zum Kostüm trug ich einen senfgelben Trenchcoat und spitze schwarze Lederschuhe, wie die Leningrad Cowboys.  Das Outfit wurde von einer quietschgrünen Strumpfhose und einem einzigen, lilafarbenen Hängeohrring im rechten Ohr abgerundet.

Meine Haare waren zwei Zentimeter lang, was mir auf offener Straße Pfiffe, Klatschen, Buhrufe und den Spruch „guck mal Schinid O`Connor“einbrachte. Das einzige Mädchen mit rasiertem Kopf in Rumänen war ich, das zweite sprang in einem Musikvideo herum und hieß wie oben genannt. Selbst meine Mutter jagte mich zehn Minuten lang um den Küchentisch herum um mich zu ohrfeigen, als ich mit der Frisur nach Hause kam, obwohl sie sich selbst die Haare ganz komisch nach oben toupierte und täglich mit einer halben Flasche Haarlack so fest verklebte, dass es jeden Atomkrieg überlebt hätte. Schließlich endete  ihr Kriegszug gegen meine Haare mit dem bedrohlichen Satz: „Wer von außen so aussieht, wie muss es wohl bei so jemandem im Inneren aussehen?!“

Ich lief mit schnellen Schritten die Elisabethenstraße hinab und klingelte an der Haustür wo die Dichter ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war ein altes Häuschen, zwei kleine Zimmer liebevoll eingerichtet, mit vielen Teppichen und Nippes. Alte Leute mussten hier verstorben sein, und die Nachkommen hatten das Haus an Literaten aus Budapest vermietet. Sie kamen regelmäßig, um sich für ein paar Tage in Slivovic zu tunken und ins Jenseits zu katapultieren, von wilden Mädchen ihre Gesichter zerkratzen zu lassen und anschließend ihre Ehen zu ruinieren. Paar Wochen später veröffentlichten sie dann in einer der gängigen Literaturzeitschriften ein fulminantes Werk über Suff und Leidenschaft und Poesie nach Villon Art, und das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Selbst der Wiener Professor für Postmoderne Literatur ist mir mal in einem Kuhstall begegnet, er kroch auf allen Vieren auf mich zu, bellte und trug Stroh in seinen graumelierten Haaren. Unsere kleine Klausenburger Partygruppe fand sich regelmäßig in der zeitgenössischen Literatur aus Budapest wieder, als Muse sozusagen.

„Deine Haare werden erwachsen“ – schrieb der Dichter zum Beispiel über mich, in einem Gedicht  das ich unerwartet im Playboy (!) Magazin entdeckte. Wir waren für sie eine in Schnaps getauchte permanente Inspirationsquelle, und sie für uns diejenigen, die diesen Schnaps spendierten.  Wir hatten oft gute Laune, aber Geld, das hatten wir nie.

Der Freund von dem Dichter öffnete mir die Tür und musterte mich so, wie der Bauer seine neue Kuh, der jemand grüne Strümpfe angezogen hat. Er trug eine strenge Prinz-Eisenherz Frisur, das obligate weiße Hemd und stellte dumme Fragen, während der Dichter schwieg. Als er uns endlich alleine ließ, schwiegen wir einfach weiter.

Der Dichter blieb zwei Tage an denen wir uns entweder schweigend anstarrten oder stundenlang knutschten. Die wilde Leidenschaft konnte kein Loch in seine weiße Fassade bohren.  Dann reiste er kommentarlos ab und ich ging nach Hause zu Tante Edith.

Das nächste Mal, als er in der Stadt war, meldete er sich gar nicht. Ich hörte kurz vor Mitternacht von Freunden, dass der Dichter da sei und mit seinen Kumpels auf eine Dorfhochzeit gefahren ist. Es war schon Ende Mai, die Nächte warm und ich stieg mit zwei Freundinnen in ein Taxi. Wir fuhren mitten in der Nacht ungefähr vierzig Kilometer in dieses Dorf.

Es war die neue Mode, mit Taxi von einer Stadt in die andere auf eine Party zu fahren, weil man gerade gehört hat, dass dort die Laune steigt. Dabei verschenkten wir den Taxifahrern Silberketten, Goldringe, Familiengeschirr, letzte Erbstücke von Oma. Diesmal war meine Freundin Gitta dran, mit ihrer Solidarität. Sie nahm, mittlerweile auch mit radikaler Kurzhaarfisur, ihre Kette vom Hals ab, damit ich zu meinem Dichter konnte. Allerdings  um ihn eins aufs Maul zu hauen.

Es war nicht schwer, im Dorf das Haus mit der Party zu finden. Doch bevor ich reinging um mich aggressiv zu verhalten, entdeckte ich den Dichter, direkt vor dem geschnitzten Holztor alleine auf der Bank sitzen. Als er mich sah, sprang er auf, rannte auf mich zu, machte eine Mundbewegung als wolle er was sagen und schwieg dann.

„Warum meldest du dich nicht, wenn du das bist?“ – fragte ich wütend und er antwortete nicht sondern starrte mich an mit entsetzten Augen.

„Hat dir jemand den Mund zugeklebt? Deine Frau zum Beispiel? “ – fuhr ich fort und sah, dass er mit sich kämpfte. Nach ewiger Zeit murmelte er etwas.

„Was??“

Er sagte wieder etwas, ohne  den Mund aufzumachen.

„Reiss doch mal deine Klappe auf!“ Stille. Ich warf schon die dritte Zigarette weg. Er wollte nicht rauchen. Schließlich erfasste mich ein Verdacht. „ Mach deinen Mund auf!“ – sagte ich bedrohlich. Er schüttelte seinen Kopf. „Mach sofort deinen Mund auf!“

Ich fing an ihn zu kitzeln, und ließ nicht los, bis er laut lachen musste und ich sah, dass ihm sowohl unten als auch oben jeweils zwei Zähne fehlten und zwar frontal. Mit geschlossenem Mund war er der Dichter, mit offenem die Baba Jaga.

„Ich habe es nicht mehr geschafft zum Zahnarzt zu gehen.“ – sagte er schließlich und schloss schnell wider den Mund. Ich bekam einen Lachkrampf. Er auch.

Wir machten uns auf den Weg und liefen zu Fuß bei Sonnenaufgang in die Stadt hinein, der Baba Jaga und ich. Mit einem kleinen Abstecher in eine blühende Maiwiese.

 

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Kaffee

Mein Mann holt seinen Laptop. Das ist nichts ungewöhnliches, schließlich ist er schon seit zwei Minuten wach, bloß keine Zeit verschwenden mit analogem durchs Fenster gucken – denke ich und trinke einen großen Schluck aus meinem Milchkaffee. Es schmeckt köstlich, die Milch ist perfekt geschäumt und sieht herrlich aus in dem dicken Ikea-Milchglas. Ein schöner gemütlicher Sonntag morgen. Das Computergeklicke kann mich da auch nicht stören.

„Ich schau mal nach, ob Kaffee für das Embryo schädlich ist“ – sagt er auf einmal. Ich horche auf.

„Hää?…Ich habe dir doch schon gesagt, dass es nicht schädlich ist“.

„Das kommt mir komisch vor, das ausgerechnet Kaffee nicht schädlich sein soll“ – sagt er und starrt auf den Monitor.

„Hier“- er zeigt siegesbewusst auf eine Textstelle- „Kaffee macht das Embryo nervös!“

„Nervös machst mich du“ – sage ich – „Und das macht das Embryo wiederum noch viel nervöser als dieser Pupskaffee.“

Er zieht eine ernste Miene, wie jemand, dem es um Prinzipien geht.

„Wenn man beim Stillen keinen Kaffee trinken darf, warum dann…“

„Kümmere du dich um deine Sachen ok? Und vertraue mir, dass ich weiß, was eine Schwangere darf oder nicht darf… Ich habe mich erkundigt“, sage ich, trinke noch einen Schluck und irgendwie kommt mir der Kaffee jetzt fad vor.

„Ich traue aber Lotte nicht“ – erwidert er trotzig.

„Du sollst nicht Lotte trauen, du sollst MIR trauen.“

Stille. Klimpern an der Tastatur.

„Lotte ist eine verkorkste Schulmedizinerin, und mich wundert es dass du, die du sonst immer nur mit Homöopathen unterwegs bist, jetzt keinen anderen fragst, deine ganzen Heilpraktikerfreunde oder so…du hast nämlich Angst, dass sie was anderes sagen!“

„Ich habe sie gefragt, wenn du es wissen willst! Ich habe Helene gefragt und Sabine und den Doktor Reuter auch!“
„Den hast du nicht gefragt.“

„Doch!“

„Warum sagst du es mir dann nicht, dass du auch andere gefragt hast?“

„Ich bin Dir keine Erklärungen schuldig!“ – zische ich und entschließe, nix weiter zu sagen, sondern beleidigt zu sein.

Der Kaffee ist mittlerweile kalt geworden, fast schon leer, und ich bekomme Lust, mir noch zwei zu machen, und zwar sofort.

„Meiner Meinung nach fragst du nur nicht, weil dir dein Spaß wichtiger ist, als die Gesundheit des….“

Ich spüre die dunkelgelbe rumänische Galle durch meine Blutadern hochsteigen, direkt in den Kopf hinein. Meine Nase verdoppelt sich, die Nasenflügel werden weit, wie von einem Nilpferd, ich atme laut.

„Hier!“– sagt er siegreich – „Koffein geht durch die Plazenta durch! Hier steht es!“

Ich springe aus dem Bett und balle meine Fäuste. Mein Mann schaut mich erschrocken an.

„Es geht ja auch um MEIN Kind, und ich muss auch meine Meinung sagen dürfen und… finde es unverantwortlich, wenn du nur wegen deinem Genuss…“

„Und ich finde, dass du ein kleinliches Arschloch bist, wenn du mir nicht mal einen Milchkaffe am Morgen gönnst, nachdem ich anderthalb Jahre lang auf alles verzichten muss, und das tue ich auch, nicht ein einziges Glas Wein habe ich getrunken oder sowas, und das sind insgesamt drei verfickte Jahre aus meinem Leben, und du liest im Wikipedia nach ob ich morgens einen Milchkaffee trinken darf????“

„…..Ja, ich lese nach, weil ich es wichtig finde, dass es dem Kind…“

„DAS SCHEISSKIND!!! UND ICH ??? UND ICH??? Verdammte Scheiße? Bin ich eine Kuh oder was?

„Reg dich nicht so auf, du kannst überhaupt keine Kritik hören und…“

Ich stampfe auf den Boden, ich könnte siebzehn Bomben legen, damit mein Mann in kleinen Stücken an der Decke klebt und das bei vollem Bewusstsein, es ist einer dieser Momente, wo ich aufhöre zu reden und anfange Gegenstände an Köpfe zu schmeißen, doch unser kleiner Sohn erscheint in der Tür. Ich halte kurz inne, drehe mich um, renne in die Küche mit meinem Kaffeeglas in der Hand und schreie: „Ich will meinen Scheiß Kaffee einfach nur in Ruhe austrinken! Ist das zu viel verlangt??

„Man darf nicht Scheißkaffee sagen“ – ruft mir mein Sohn hinterher. – „Kaffee ist lecker.“

„Ja, stimmt“ – denke ich, stelle zwei Tassen unter die Espressomaschine und drücke auf den Knopf.

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Budapest-New York (Der Dichter)

Es hatte zwei Tage gedauert, bis ich zu mir kam. Diese Hochzeit war das I-Tüpfelchen gewesen, nach wochenlanger Sauferei zwischen Uni, Kneipe und Studentenwohnheim.  Als ich die Augen öffnete, sah ich meine Mitbewohnerin gut gekämmt am Schreibtisch sitzen. Sie hielt „Wahrheit und Methode“ von Gadamer in der Hand und schien darin ganz- und gar vertieft zu sein. Ich spürte, wie es mir langsam übel wurde, mit leisem Hämmern kündigte sich ein schreckliches Kopfweh an.

Ich trottete ins Bad, leicht gebückt, um an der Schwelle nicht mit dem Kopf anzustoßen, und kämpfte mich zwischen den riesigen Unterhosen unserer Vermieterin bis zur Toilette vor. Das Bad hatte kein Fenster, wir wohnten im Souterrain einer alten Villa zur Untermiete, es herrschten tropische Temperaturen, gefühlte neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit, und ein unbeschreiblicher Geruch zwischen Schimmel, Parfüm, Waschmittel und weiblichen  Ausdünstungen. Der alte Metallofen brummte neben mir wie ein ausgemusterter Kater und strahlte brühende Hitze aus. Er stand kurz vor der Explosion. Ich kniete mich hin und legte meine  Stirn auf den weiß emaillierten Wannenrand, um ein bisschen Kälte zu spüren, und meinen Kopf still zu kriegen. Der Dichter,  die Unterhosen, Tante Ediths riesiges Hinterteil und Hans-Georg Gadamer, die Gedanken tummelten sich wie eine Armee auf der Flucht und ließen sich unter keinen Morddrohungen stoppen. Ich schloss die Augen. Da wurde alles noch schlimmer. Mir fielen die zweiunddreißig Abtreibungen von Tante Edith ein (so hieß unsere Vermieterin) und ihre fünf Kinder, und ich musste zwanghaft nachrechnen, wie viele Schwangerschaften das im Jahr bedeutete, ich kam auf drei im Schnitt, gar nicht so viel, in Rumänien war Abtreibung wie die Pille und das Kondom in einem, dachte ich, das normalste der Welt, Frauenalltag, wie das ständige Abwaschen. Die meisten kamen entweder gerade von einer Abtreibung oder gingen dahin, manchmal begleitete man sich und kochte sich danach einen Tee und dann ging das Leben einfach weiter, mit ständig blutiger Unterhose und Angst vor den nächsten „Unfall“. Bei diesem Gedanken musste ich mich übergeben. Danach ließ ich kaltes Wasser über mein Gesicht laufen.

Dreiviertel Stunde später klopfte es an der Tür. Meine Mitbewohnerin wollte rein. Auch wer Gadamer ließt muss mal scheißen, dachte ich, und verließ den Raum um im dunklen Korridor zu warten, mit Blick auf Tante Ediths Zimmertür, halb verglast, mit dickem Tüll behangen, dahinter flimmerte, wie immer, das Fernsehen. Vor dem Fenster lief die verlassene Ehefrau eines  berühmten Schauspielers entlang, die in der ersten Etage wohnte, mit verzweifeltem Gesichtsausdruck und knochendünn vom Saufen. Seit sie verlassen worden war, konnte sie nicht mehr aufhören zu trinken. Das war zwanzig Jahre her.

Es dauerte nicht lange und ich stand am Straßenrand mit einem Budapest–Schild in der Hand, hinter mir der Name „Cluj-Napoca“  fett durchgestrichen, vor mir nasses, dunkelbraunes Brachland, und Budapest hinter dem Horizont mit seinen Lichtern und riesigen Jugendstilgebäuden, und geilen Clubs. Das non plus Ultra für eine wie ich, aus der  siebenbürgischen Provinz, die die einzige Kneipe in ihrer Kleinstadt längst satt hatte.

Der Dichter saß tatsächlich da, an einem kleinen runden Tisch mit weißer Tischdecke, zwischen vier ionischen Säulen, über seinem Kopf ein Baldachin, und nippte an seinem Café. Ich bekam einen Lachkrampf.  Es war Donnerstag, auf der Ringstraße in Budapest fuhr alle drei Minuten die Straßenbahn entlang und ließ das alte Gebäude erzittern. Durch die verzierten Fensterscheiben drang permanentes Hupen und Geschrei hinein, die Stimmen der Großstadt. Die Wand, vor langer Zeit gold und lila gestreift, hatte längst ihren Glanz verloren, doch das Orchester trug immer noch Smoking und spielte Hits aus den 30-ern. Ich fragte mich, in welchem Film ich gerade gelandet bin. Der Dichter riss seinen Mund weit auf und sah mich an, als wäre ich eine Fata Morgana. Ich gab ihm meine Hand und sagte meinen Namen. Das hatten wir das letzte Mal verpasst. Das Café hieß „New York“  und war zur Jahrhundertwende ein bekannter Künstlertreff. Manche Dichter bekamen sogar Post, an XY Budapest-New York adressiert, erzählte er. Dann schwiegen wir und schauten uns lange an, und ich musste an einen Kumpel meines Vaters denken, der einmal zu mir gesagt hatte: „Auch in einen Strommast kann man sich verlieben, wenn man nur lange genug draufschaut.“

Schließlich fragte der Dichter, ob ich etwas trinken wolle, und versuchte eine ganze Weile Kontakt mit dem Kellner aufzunehmen, was ihm nicht gelang. Entweder war er zu leise oder winkte im falschen Moment. Er solle einen Stuhl werfen, damit man ihn wahrnehme, schlug ich vor. Den Vorschlag fand er sehr lustig, obwohl er wahrscheinlich noch nie in seinem Leben etwas geworfen hatte, außer das Handtuch, wenn ihm etwas zu kompliziert wurde. Dann rief ich  quer durch den Raum, dass sich alle umdrehten. Wir bestellten uns Schnaps, um den Kontakt zur siebenbürgischen Hochzeit nicht ganz zu verlieren.

Nach dem vierten Glas sagte er, dass es ein Problem gäbe. Ich fragte nicht nach. Nach dem sechsten nahm er einen tiefen Atemzug und sagte: „Ich bin verheiratet“. Das war der fünfte Satz, den wir insgesamt gewechselt hatten.

Wir verließen schweigend das „New York“ und torkelten Richtung Straßenbahnhaltestelle, den Schnaps tief in den Beinen, und ich musste daran denken, dass es besser gewesen wäre, auf den ersten Impuls zu hören und sich nicht umzudrehen, aber dafür war es schon zu spät. Ich hatte mich umgedreht und jetzt fühlte ich mich wie Lots Weib, zur Salzsäule erstarrt in seiner Umarmung. Er war ein Kopf größer als ich, und drückte mich eng an sich, als wolle er mich gar nicht loslassen. Ich fragte mich, ob er weit weg wohnte, wie seine Wohnung aussah und seine Frau, ob wir sie bald treffen würden, und ob ich dann eins aufs Maul kriege, ob er Kinder hat. Das fragte ich dann auch laut. Kinder hatte er nicht.

An der Haltestelle verabschiedeten wir uns für immer. Er stieg in die Bahn, ich in ein Taxi. Die Frage, warum er mich nach Budapest bestellt hatte, nur um zu sagen dass er verheiratet ist, blieb mir im Hals stecken, und bereits im Taxi spürte ich, wie sie sich in eine amtliche Halsentzündung verwandelte und mir die Luft nahm. Als ich an meiner Unterkunft, bei einer Großtante meines Vaters ankam, hatte ich bereits hohes Fieber. Tante Pici, die alte Jungfer, die regelmäßig unsere siebenbürgische Sippe bei sich aufnahm und ihren Kühlschrank regelmäßig leerfressen ließ, gab mir Wein mit Honig, und wir leerten gemeinsam mehrere Flaschen. Paar Tage später  ließ das Fieber nach, und ich trampte wieder nach Hause.

Der Frühling war angebrochen und verwandelte unsere kleinstädtische Schlammwüste in ein grünes Paradies. Das war die beste Zeit, wir krochen aus dem Unikeller und siedelten unsere Residenz in einen schönen Biergarten um. An den Dichter dachte ich nicht mehr. Bis er zwei Monate später wieder erschien. Unerwartet und gut frisiert zwischen meinen stinkenden Kumpels, um eine Lesung zu halten.

Es geht weiter.

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Der Dichter

Es ist noch nicht einmal zehn Uhr am Morgen als es an der Tür klingelt. Pilo ist schon seit einer halben Stunde weg, er hat jeden Sonntag Vorführung im Puppentheater. Ich trotte verschlafen zur Tür, steige über mehrere Haufen dreckiger Unterwäsche, trete aus Versehen gegen einen überfüllten Aschenbecher und lasse einige Bierflaschen umfallen. Aus der Küche strömt mir ein Geruch entgegen wie von einer Tonne fauler Socken, das muss vom Abwasch kommen, den ich vor drei Tagen eingeweiht und immer noch nicht gespült habe. Ich halte mir die Nase zu. Durch die verschmierte Fensterscheibe am Ende des Korridors ist ein unendlicher Wald grauer Plattenbauten zu sehen, weit über den Horizont hinaus.
Ich öffne die Tür. ER steht mir gegenüber mit weiß gebügeltem Hemd unter seinem schwarzen Lodenmantel und dunklen Budapester Poetenlöckchen um seine Stirn, der Mund wie immer ein bisschen offen, als könne er nicht aufhören sich zu wundern, dabei bin ich jetzt gerade diejenige, der die Kinnladen bis zum Boden klappen. ER ist „Der Dichter“, so nennen wir ihn unter uns, und er hat zwei Koffer dabei.

Den Dichter habe ich ein Jahr zuvor auf einer Dorfhochzeit kennen gelernt, in der Nähe unserer Studentenstadt. Es war Winter und wir fuhren wie üblich aus lauter Langeweile aufs Land und suchten uns eine Hochzeit, wo wir die ganze Nacht umsonst essen und trinken konnten. An so einem Tag wurde nie jemand ausgeladen, das ging gegen die Sitte, das wäre Tabubruch gewesen. Im Gegenteil, die Dorfleute freuten sich, dass die Studenten vorbeikommen, und es gab immer Kohlrouladen und Sülze und Hühnergulasch, Schnaps und Wein, Gesöff ohne Ende. Dorfhochzeiten waren unsere Technopartys Anfang der neunziger Jahre in Rumänien. So gegen zwei Uhr in der Nacht war da kein Mann mehr nüchtern, alles torkelte durch die Gegend, sang schief und leidenschaftlich, möglichst lauter als die Geige und kotzte in die Ecke. Nach einem Liter siebenbürgischen Selbstgebrannten möchte keiner mehr in fremden Kulturen nach halluzinogenen Substanzen herumsuchen.
Also irgendwann in der Nacht, als ich nicht mehr gerade gucken konnte, sah ich plötzlich zwei meiner Kommilitonen gegenüber auf der Bank sitzen. Sie waren wie aus dem Nichts aufgetaucht und grinsten mich gut gelaunt an. Einer sagte, sie wären „gerade erst gekommen“- und als ich wissen wollte, wie sie das genau meinten, da lachten sie dreckig und ich auch, und dann merkte ich, dass sie jemand mitgebracht haben. Ein Fremder saß neben ihnen, groß gewachsen, schlacksig und unglaublich sauber. Er guckte verlegen. Sein Hemd, seine Haut, seine Zähne und seine Hose, alles makellos weiß. Mitten im der dunkelbraunen Schlammwüste sah er vollkommen unwirklich aus.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt seit Ewigkeiten keinen Mann mehr ohne Zweitagebart, mit sauberen Zähnen und weißen Fingernägeln gesehen. Dafür studierte ich an der falschen Uni. „Philologie“ – das hieß bei uns täglich eine Flasche Schnaps, zwei Schachteln filterlose Zigaretten und Bruchbuden als Untermiete. Gebadet wurde höchstens alle fünf Wochen, wenn man mal die Eltern besuchte. Ich hatte sogar einen Kollegen, er war der genialste vom Jahrgang und studierte das zweite Mal wieder alles von vorne, weil er wegen starken Zweifeln mal alles geschmissen hat – er hatte gar keine Toilette in seiner Wohnung, nicht mal ein Plumpsklo im Garten, und schiss jeden Morgen in eine Plastiktüte um sie unterwegs zur Uni vor dem ersten Philiosophievortrag in den Müll zu schmeißen.
„Wer ist das denn?“ – fragte ich laut meine Kumpels und zeigte mit dem Finger auf den weißen Mann. Höflichkeiten lagen da bereits Jahre hinter uns. „Der Dichter aus Budapest”, antwortete mein Lieblingskollege schelmisch lächelnd, und zwinkerte. Danach strich er über sein pickeliges Gesicht und wieherte wie ein Pferd – “Ein ganz toller Dichter. Er hat heute die Lesung gehalten“.
Dichter, die waren bei uns so etwas wie Popstars. Oder Hollywood-Legenden. Jeder fand sie geil. Deshalb war jeder zweite Mann ein Dichter. Ich kannte alleine in meiner engen Umgebung mehrere Dutzend davon. Aber ich kannte keinen mit einer weißen Hose. Sein Anblick zwischen kotzenden Bauern, war wie eine brennende Kerze nach stundenlangem Stromausfall in einem rumänischen Fahrstuhl.
Ich stand auf, ging zu ihm rüber und küsste ihn ohne Vorwarnung direkt auf den leicht geöffneten Mund. Er sah mich erstaunt an und erwiderte den Kuss ohne viel zu fackeln. Wir bewegten uns danach nicht mehr vom Fleck, bis die Sonne aufging und uns jemand aufforderte, in einen Bus zu steigen, der bald in die Stadt fahren würde. Erst dann hörten wir mit der Knutscherei auf. Geredet haben wir kein einziges Wort.

Als ich aufwachte, parkten wir bereits auf dem Hauptplatz unserer Kleinstadt. Der Motor brummte noch und der Bus leerte sich langsam. Der Dichter schlief neben mir, seinen Kopf leicht auf meine Schultern gekippt. Ein zarter und stetiger Speichelstrom floss aus seinem Mund. Es war schon schreiend hell und mein Schnapspegel hatte drastisch nachgelassen. Ich legte seinen Kopf zurück an die Stuhllehne und stieg hastig aus dem Bus.
Ich eilte im Laufschritt die nasse Straße lang, überall Matschspuren, verdreckter Bürgersteig. Seit Wochen hatte es geregnet. Der Dichter versuchte mich einzuholen. „Wie heisst du?” hörte ich ihn schwer atmend hinter mir herlaufen, aber ich hielt nicht an. Irgendein Instinkt sagte mir, dass ich jetzt und nicht später das Weite suchen und mich auf gar keinem Fall umdrehen sollte. „Wie kann ich dich wiedersehen?“ – hörte ich ihn weiter – „Ich sitze jeden Donnerstag im Café „New York“ in Budapest.“ Ich lief weiter und hörte seine Stimme langsam in dem quälenden kleinstädtischen Morgenverkehr verklingen zwischen tausend Schlaglöchern und dem Quietschen einer historischen Straßenbahn.

Fortsetzung folgt

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Scheißbürokrat kann man überall sein

„Wo wollen Sie entbinden?“ – der Arzt ist in meinen Mutterpass vertieft und macht sich Notizen. Statt einem Arztkittel trägt er ein dunkelrotes Hemd und okkerfarbenen Pullunder. Er ist Buddhist. Um ihn herum goldene Statuen, nepalesische Seidentücher, mit kreisförmigen Bildern, Kerzen. Selbst die Untersuchungsliege ist in rot und okker.

„In Havelhöhe“ – sage ich – wir ziehen aufs Land, da ist dieses Krankenhaus uns am nächsten. Ich schaue meinen Mann an, er schweigt. Mein Sohn sitzt brav zwischen uns auf dem Stuhl. Sie sind mitgekommen, um das neue Baby mit Ultraschall zu sehen.

„Wo genau ziehen sie hin ?“ – fragt der Arzt, ohne hochzuschauen. „Ins Havelland… in ein Dorf.“

„Welches Bundesland ist das?“

„Brannndennbuuurg“ – ich singe das vor, als Zitat aus dem Brandenburg-Lied um ein wenig Humor in die Situation bringen. Keine Reaktion. Er scheint das Lied nicht zu kennen.

„Dann müssten sie vom Land Brandenburg die Hebammenliste anfordern.“ – sagt er sachlich und hat von seinen Notizen immer noch nicht hochgeschaut – „Die Ärztekammer hat diese Listen. Sie müssen jemanden in ihrer Nähe suchen.“

Ich weiss, dass er ein spiritueller Lehrer ist, ein Kloster in Berlin gegründet hat und Meditationsunterricht gibt. Er ist der offizielle Erbe der Ayya Khema, einer weltberühmten buddhistischen Lehrerin. Sein Gesicht bleibt unbewegt, bis er zu Ende geschrieben hat.

Und warum ziehen sie nach Posemuckel? – fragt er mit einer plötzlichen Wendung. Ich bin überrascht. Posemuckel. Da handelt es sich wohl um Kulturgut, dass ich nicht kenne. Als Ausländer. Obwohl ich es mir vorstellen kann was das bedeuten könnte. Mein Mann lacht leise. Er will da nämlich auch nicht hin.

„Wegen der Natur.“ – sage ich unsicher.

„Ach was ” – Der Buddhist lächelt spöttisch und ich frage mich, wie er sich das überhaupt erlauben kann, wo er doch frei von jedem Urteil sein sollte.

„Ja… da fühle ich mich mehr zu Hause, in der Natur.“ – sage ich trotzig.

„Zu Hause sind sie hier,“ – er zeigt auf seinen Brustkorb – „und wenn sie hier drinnen nicht zu Hause sind, dann werden sie immer Angst haben. Die kommt überall mit.“ – Er lächelt vielversprechend.

Ich versuche einen klaren und entschlossenen Eindruck zu machen.

„Die Natur kann aber helfen.“

Seine Antwort kommt wie aus einem Gewehr geschossen, schnell und zielgerichtet und ziemlich leise: „Ich kenne die Natur gut, glauben sie mir. Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen, direkt am Waldrand…“

„Ja, genau, wir ziehen auch auf einen Bauernhof, direkt am Waldrand…“ – sage ich, froh über eine Gemeinsamkeit.

„Glücklich war ich dort nie, dass sag ich ihnen, es war alles andere als schön, alles andere… “ – er hält einen Moment inne und ich denke, nanu, ein Trauma oder was? – „Ich war danach heilfroh, in der Stadt zu sein.“ – fährt er fort.

Pause. Er guckt mich lange an. Die Flammen der Teelichter kommen mir jetzt ziemlich laut vor.

„Unglücklich kann man überall sein.“ – antworte ich schließlich.

„Das gleiche gilt auch für das Glück.“ – sagt er und lächelt wieder, wie einer der gewonnen hat.

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