Es war ein Vormittag, als das Telefon klingelte. Tante Edith gab mir den Hörer. Nach kurzem Schweigen sagte der Dichter, dass er der Dichter sei, und zwar hier in der Nähe, in der Wohnung eines Freundes. Mehr sagte er nicht, aber dieses Schweigen, das wusste ich mittlerweile, konnte mehrere Gedichtbände schwer sein. Unter dem Motto: „Ich schenke Dir einen Elefanten, trage ihn in deinem Herzen. Meins ist auch schwer.“ Ich zog mein schwarz- grau gestreiftes Kostüm an, ein Geschenk von Tante Gizi, Mutters blondierter Freundin aus Deutschland. Dieses Kostüm – langer Rock und Sakko mit ordentlichen Schulterpolstern und Fellkragen – fanden alle ganz heiß und es gab keine Freundin, die es sich nicht mindestens schon einmal ausgeliehen hätte. Zum Kostüm trug ich einen senfgelben Trenchcoat und spitze schwarze Lederschuhe, wie die Leningrad Cowboys. Das Outfit wurde von einer quietschgrünen Strumpfhose und einem einzigen, lilafarbenen Hängeohrring im rechten Ohr abgerundet.
Meine Haare waren zwei Zentimeter lang, was mir auf offener Straße Pfiffe, Klatschen, Buhrufe und den Spruch „guck mal Schinid O`Connor“einbrachte. Das einzige Mädchen mit rasiertem Kopf in Rumänen war ich, das zweite sprang in einem Musikvideo herum und hieß wie oben genannt. Selbst meine Mutter jagte mich zehn Minuten lang um den Küchentisch herum um mich zu ohrfeigen, als ich mit der Frisur nach Hause kam, obwohl sie sich selbst die Haare ganz komisch nach oben toupierte und täglich mit einer halben Flasche Haarlack so fest verklebte, dass es jeden Atomkrieg überlebt hätte. Schließlich endete ihr Kriegszug gegen meine Haare mit dem bedrohlichen Satz: „Wer von außen so aussieht, wie muss es wohl bei so jemandem im Inneren aussehen?!“
Ich lief mit schnellen Schritten die Elisabethenstraße hinab und klingelte an der Haustür wo die Dichter ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war ein altes Häuschen, zwei kleine Zimmer liebevoll eingerichtet, mit vielen Teppichen und Nippes. Alte Leute mussten hier verstorben sein, und die Nachkommen hatten das Haus an Literaten aus Budapest vermietet. Sie kamen regelmäßig, um sich für ein paar Tage in Slivovic zu tunken und ins Jenseits zu katapultieren, von wilden Mädchen ihre Gesichter zerkratzen zu lassen und anschließend ihre Ehen zu ruinieren. Paar Wochen später veröffentlichten sie dann in einer der gängigen Literaturzeitschriften ein fulminantes Werk über Suff und Leidenschaft und Poesie nach Villon Art, und das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Selbst der Wiener Professor für Postmoderne Literatur ist mir mal in einem Kuhstall begegnet, er kroch auf allen Vieren auf mich zu, bellte und trug Stroh in seinen graumelierten Haaren. Unsere kleine Klausenburger Partygruppe fand sich regelmäßig in der zeitgenössischen Literatur aus Budapest wieder, als Muse sozusagen.
„Deine Haare werden erwachsen“ – schrieb der Dichter zum Beispiel über mich, in einem Gedicht das ich unerwartet im Playboy (!) Magazin entdeckte. Wir waren für sie eine in Schnaps getauchte permanente Inspirationsquelle, und sie für uns diejenigen, die diesen Schnaps spendierten. Wir hatten oft gute Laune, aber Geld, das hatten wir nie.
Der Freund von dem Dichter öffnete mir die Tür und musterte mich so, wie der Bauer seine neue Kuh, der jemand grüne Strümpfe angezogen hat. Er trug eine strenge Prinz-Eisenherz Frisur, das obligate weiße Hemd und stellte dumme Fragen, während der Dichter schwieg. Als er uns endlich alleine ließ, schwiegen wir einfach weiter.
Der Dichter blieb zwei Tage an denen wir uns entweder schweigend anstarrten oder stundenlang knutschten. Die wilde Leidenschaft konnte kein Loch in seine weiße Fassade bohren. Dann reiste er kommentarlos ab und ich ging nach Hause zu Tante Edith.
Das nächste Mal, als er in der Stadt war, meldete er sich gar nicht. Ich hörte kurz vor Mitternacht von Freunden, dass der Dichter da sei und mit seinen Kumpels auf eine Dorfhochzeit gefahren ist. Es war schon Ende Mai, die Nächte warm und ich stieg mit zwei Freundinnen in ein Taxi. Wir fuhren mitten in der Nacht ungefähr vierzig Kilometer in dieses Dorf.
Es war die neue Mode, mit Taxi von einer Stadt in die andere auf eine Party zu fahren, weil man gerade gehört hat, dass dort die Laune steigt. Dabei verschenkten wir den Taxifahrern Silberketten, Goldringe, Familiengeschirr, letzte Erbstücke von Oma. Diesmal war meine Freundin Gitta dran, mit ihrer Solidarität. Sie nahm, mittlerweile auch mit radikaler Kurzhaarfisur, ihre Kette vom Hals ab, damit ich zu meinem Dichter konnte. Allerdings um ihn eins aufs Maul zu hauen.
Es war nicht schwer, im Dorf das Haus mit der Party zu finden. Doch bevor ich reinging um mich aggressiv zu verhalten, entdeckte ich den Dichter, direkt vor dem geschnitzten Holztor alleine auf der Bank sitzen. Als er mich sah, sprang er auf, rannte auf mich zu, machte eine Mundbewegung als wolle er was sagen und schwieg dann.
„Warum meldest du dich nicht, wenn du das bist?“ – fragte ich wütend und er antwortete nicht sondern starrte mich an mit entsetzten Augen.
„Hat dir jemand den Mund zugeklebt? Deine Frau zum Beispiel? “ – fuhr ich fort und sah, dass er mit sich kämpfte. Nach ewiger Zeit murmelte er etwas.
„Was??“
Er sagte wieder etwas, ohne den Mund aufzumachen.
„Reiss doch mal deine Klappe auf!“ Stille. Ich warf schon die dritte Zigarette weg. Er wollte nicht rauchen. Schließlich erfasste mich ein Verdacht. „ Mach deinen Mund auf!“ – sagte ich bedrohlich. Er schüttelte seinen Kopf. „Mach sofort deinen Mund auf!“
Ich fing an ihn zu kitzeln, und ließ nicht los, bis er laut lachen musste und ich sah, dass ihm sowohl unten als auch oben jeweils zwei Zähne fehlten und zwar frontal. Mit geschlossenem Mund war er der Dichter, mit offenem die Baba Jaga.
„Ich habe es nicht mehr geschafft zum Zahnarzt zu gehen.“ – sagte er schließlich und schloss schnell wider den Mund. Ich bekam einen Lachkrampf. Er auch.
Wir machten uns auf den Weg und liefen zu Fuß bei Sonnenaufgang in die Stadt hinein, der Baba Jaga und ich. Mit einem kleinen Abstecher in eine blühende Maiwiese.