20. März

Ich laufe zum Hauptplatz in die Menge hinein und bleibe stehen. Um mich herum wird wild gebrüllt. „Nieder mit ihm!“ –„Verschwinde Verräter“, Buhrufe und Schimpftiraden. Mein Vater steht auf  dem Steinbalkon des schönen, alten Rathauses  mit seinen Jugendstiltulpen. Grauer Märzhimmel, es weht ein eisiger Wind, der Hauptplatz ist mit Menschen gefüllt. In allen Fensterfronten hängen Menschentrauben, viele tragen noch ihre Wintermützen aus schwarzem Schafsfell, grimmige Gesichter, zwischen Barock und Jugendstil, altem Stuck und kaputtem Putz. Die Spuren einer vielversprechenden Vergangenheit, aus der nichts wurde. Mein Vater versucht etwas zu sagen, seine Stimme wird im Grölen und Beschimpfungen erstickt. Die spärlichen Haare kleben flach über seinem Schädel, eine  „Telefonfrisur“, sagt meine Mutter; sein  altes, grün-blaues Karojackett ist an den Ärmeln ausgebeult und zu kurz, die große Brille bedeckt halb sein gequältes Gesicht. Er versucht der Masse zu trotzen und redet weiter, man hört ihn nicht, sieht nur seine Mundbewegung, wie ein Fisch auf dem Trockenen,  es ist klar, dass es nicht lange gut gehen wird. Die Masse kann in das Gebäude eindringen und er wird in so viele kleine Teile gerissen wie die Karos auf seiner Jacke, und dann war´s das mit meinem Vater, tschüss, vor drei Monaten noch ein Held, bald ist er tot und meine Mutter gibt bestimmt kein gutes Bild ab als Witwe, und wir sind Kriegswaisen oder man bringt uns auch um.  Ich fühle mich als würde jemand kaltes, flüssiges Blei durch meine Adern fließen lassen, intravenös, ich werde vollkommen eingegossen in eine unendliche kalte Schwere, ich bewege mich nicht mehr und höre auf zu atmen. Ich starre meinen Vater an, als könnte mein Blick ihn schützen, dann in die schreienden Gesichter, offene Münder, bitte nicht umbringen, ich bin schließlich die Tochter und niemand will vor Zeugen töten. Doch niemand erkennt mich, niemand sieht mich. Durch den Lautsprecher rauschen Wortfetzen meines Vaters: „die Securitate und das Militär und die alten Machthaber… heizen die nationalistischen Gefühle an… um von sich selbst abzulenken … ihre Macht wieder zu stabilisieren… ich bin  Opfer einer Hetzkampagne… bitte hört mich an…“

Jemand berührt meinen Arm und lächelt freundlich. Ich zucke zusammen. Es ist Rita, meine Literaturlehrerin. Sie nimmt mich sanft an die Hand „komm mit, komm mal mit“ – und führt mich aus der Menge raus, ich folge ihr, wie fremdgesteuert, sie ist winzig klein und blond, ihre Lippen schwarz vom vielen Rauchen. Sie begleitet mich lächelnd, mit leichten Schritten. „Was machen wir jetzt“ – frage ich und finde es ganz erstaunlich, dass sie lächelt, vielleicht ist sie verrückt geworden, denke ich – „Wir gehen jetzt schön nach Hause“ – sagt sie, und das Lächeln weicht ihr nicht von dem Gesicht.

Wir laufen die kleinen Straßen entlang, nach Hause. Tante Rita an meiner Seite.  Der Bürgersteig ist schmal und an vielen Stellen aufgebrochen. Ich kenne jede kleine Ritze, jedes Blumenbeet an den Seiten, die Krokusse blühen schon,  obwohl es kalt ist, die Sträucher sind voller Knospen und leuchten hellgrün. Es riecht nach nasser Erde, nach Blumen und Schlachthof. Die Einfamilienhäuser sind hoch umzäunt, die Gärten dahinter kann man nur erahnen, aber ich weiß , wie sie aussehen, ich kenne die Rosen, den Flieder, die Hortensien und den Wein über jeder Veranda, jeden mit Plastik bedeckten Gartentisch. Vom Hauptplatz hört man die Menge immer noch grölen.

Piri, unsere Haushälterin mit hübschem Gesicht und dickem Arsch, öffnet die Tür. Ich sehe den verschmierten Lippenstift um den Mund und die wuscheligen Haare, mit einer flachen Stelle am Hinterkopf, als wäre sie grade  aufgestanden. „Piri ist nicht ganz koscher“ – pflegt meine Mutter zu sagen, „wer weiß, was sie den ganzen Tag macht“, aber ich will es nicht hören, weil ich sie mag. Sie läuft vor uns in die Küche, sie scheint ganz entspannt zu sein, als wäre sie im Urlaub und nicht in einem wild gewordenen post-kommunistischen Kaff, mit zwei Nationalitäten die sich hassen, und die die Last von vierzig Jahren Unterdrückung genau heute oder morgen loswerden wollen und sich schon mal warmbrüllen und warmschwingen mit Stöcken und Knüppeln für die ganz große Befreiung, nach der nichts mehr übrig bleiben wird. Und das zwei Straßen weiter auf unserem Hauptplatz. Die Wohnung ist aufgeräumt und die Suppe muss schon seit längerem fertig sein. Eine dünne Fettschicht liegt auf ihrer Oberfläche, wie die Haut einer alten Frau. Ich setze mich, Tante Rita auch, sie will nichts essen, aber gehen will sie auch nicht, ich glaube sie macht sich Sorgen um mich. Sie zündet sich eine Zigarette an und ich löffele die gelbe, lauwarme Suppe, die genauso schmeckt wie alle anderen Suppen hier, Piri kocht wie alle anderen Frauen vom Dorf, die bei uns kochen, seit ich mich erinnern kann, weil meine Mutter sich aus Prinzip nicht um den Haushalt kümmert. Ich lächele Piri an, sie zwinkert mir zu: „Schmeckt es?“ – fragt sie und strahlt und ich nicke. Es schmeckt mir wirklich, dieser Geschmack ist für mich Heimat, auch die Fetthaut auf der Oberfläche. Ich weiß es nicht, dass ich  Piri  heute das letzte Mal sehe, dass sie gehen, ein wenig Goldschmuck mitnehmen und nicht wiederkommen wird, genauso wie viele enge Freunde, die uns ab heute nie wieder besuchen und die uns nicht mehr anrufen werden. Es wird nichts mehr sein wie es war und keiner weiß es. Ich schaue auf die sonnendurchflutete Terrasse und löffele die Suppe aus. Das Ende meiner alten Welt ist strahlend und schmeckt nach Mehlschwitze.

 

Heute vor 25 Jahren, am 20. März 1990 gab es in meiner Heimatstadt Targu-Mures, Rumänien, nach langen Monaten von Protesten, Demos und Gegendemos, sowie nach einer pogromartigen Ausschreitung gegen die ungarische Bevölkerung am 19. März eine blutige Straßenschlacht zwischen Rumänen und Ungarn. Militär und Polizei haben die Eskalation nicht verhindert, sondern mit angeheizt. Es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Warum das alles passiert ist, darüber wurde viel geschrieben. Filme wurden gedreht. Für mich ist dieser Tag aber Familiengeschichte. Mein Vater musste fliehen, er kam Jahre später wieder, als seine Töchter schon erwachsen und nicht mehr zu Hause waren. Alle Machtstrukturen haben sich neu formiert. Alte Freundschaften lösten sich auf.  Die Ungarn und die Rumänen flüchteten in parallele Welten, um ihren Hass seltener spüren zu müssen. Und Rumänien ist immer noch ein rassistisches Land.

Der 20. März 1990 war für mich und für viele andere einer dieser Tage, an denen eine Welt aufhört zu existieren. In diesem Fall die Welt einer friedlichen, kleinbürgerlichen, siebenbürgischen Stadt mit ihren durch den Kommunismus konservierten, alten Werten.

Es war besonders warm und sonnig. Ohne Sonnenfinsternis.

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Warning. He may bite.

Ich schließe die Tür auf und lächele verkrampft. Mütter sollen lächeln, wenn ihre Söhne von der Schule nach Hause kommen, oder wenn überhaupt ihre Kinder nach Hause kommen, Mütter sollen sich freuen. Denn Mütter, die lieben ihre Kinder und das gilt sogar für mich. Und wer liebt, der freut sich, und steht voller Freude da, voller Interesse und so, wenn das Kind nach einem langen Tag nach Hause kommt, mit dicken Ranzen auf dem Rücken, voller Fragen, wie „Wie war es heute in der Schule? Erzähl mir doch mal was. War es gut? Was war heute los? Haben dich die großen Jungs wieder geärgert? Lauter Fragen, die Kinder hassen, und nie richtig beantworten, dazu gibt es sogar Statistik, nur was man sonst so fragen könnte, das steht in keiner Statistik. Soll man überhaupt Fragen stellen oder ist es besser, wenn Mutti lächelnd schweigt, oder schweigend lächelt, denn so kann in der Stille die wirkliche Nähe entstehen. Das habe ich auch mal versucht, dann sagte mein Sohn erst: Was ist los? Später: Was guckst du so? Zum Schluss: Darf ich bitte zu Dustin?

Und weg war er für den ganzen Nachmittag. Bei Dustin, der vermutlich genau weiß, was Schulkinder so interessiert.

Vielleicht sollte ich versuchen wirklich spannende Fragen zu stellen, wie zum Beispiel: Möchtest du eine Samsung Galaxy S5 und zwar heute? Hast du Lust auf Gummibärchen? Soll ich dir meinen Laptop geben, damit du den ganzen Nachmittag zocken kannst?

Das alles würde reges Interesse verursachen, ist aber ungesund.

Oder: Wann werden die Außerirdischen die Macht übernehmen?

Auch das könnte zu einer angeregten Kommunikation führen, allerdings müsste ich dann den ganzen Nachmittag Außerirdische spielen, was zwar gesund ist, ich aber keine Zeit dafür habe.

Schließlich könnte ich einfach von mir reden und persönliche Frage stellen, wie: was würdest du dazu sagen, wenn Mama sich an einem Baum erhängt, weil sie keine Lust mehr hat Mutter auf dem Land zu sein, Briefe vom Finanzamt zu kriegen, sich immer nicht entscheiden zu können, an welchem Scheißprojekt sie jetzt weiterschreibt, weil sie dieses Kleinteilige Leben, seit sie keine Typen mehr so leicht aufreißen kann, überhaupt nicht  toll findet. Würde dich das traurig machen?

Das könnte auch eine interessante Frage werden, nur sie ist leider zu lang für so ein kleines Kind.

Der Sohn ein kleiner, blonder, zierlicher Kerl, dem vorne fast alle Zähne fehlen, ein tapferes Schneiderlein, nähert sich mit düsterem Gesichtsausdruck seiner lächelnden Mutter, er ruft noch etwas nach hinten, mehrere Kinder gehen in mehrere Häuser hinein, alles Dorfkinder, die ich nett finde, wenn sie mit meinem Sohn spielen, sonst finde ich sie genauso dumm und uninteressant, wie ihre Eltern, denn Hochmut kommt nicht erst vor dem Fall, sondern war immer schon da und wird vermutlich immer bleiben, jedenfalls bei mir. Er läuft die Treppe hoch, bleibt vor mir stehen und sagt entschieden:

Heute gibt es eine fette Regenwolke!

Ich schaue nach oben, der Himmel blau, die Sonne strahlt. Blicke fragend zurück.

Ja. Und die musst du unterschreiben.

Langsam dämmert etwas, doch bevor ich eine Frage stellen könnte, quetscht er sich an mir vorbei.

Wie lange habe ich Zeit, bis wir losfahren, darf ich zu Dustin?

Öhm, sag erst mal schön Hallo, komm in Ruhe rein, und dann sehen wir weiter – sage ich, ganz wie eine Mutter, ruhig und besonnen, ich muss hier schließlich den Rahmen herstellen, in dem sich mein Kind seelisch entfalten kann. Er gibt mir schlecht gelaunt einen Kuss und trottet Richtung Küche.

So, und was ist das mit der Regenwolke?

Ich habe zwei Jungs gebissen – antwortet er- aber ich war alleine gegen die ganze Klasse, alle haben auf mich eingeschrien, keiner war mit mir, nur die Mädchen, und selbst die großen haben sich eingemischt und ich habe nur aus Versehen gebissen.

Ich lächele immer noch, denn auch vorher hatte ich keine wirkliche Lust zu lächeln, dann macht das jetzt auch keinen Unterschied mehr.

Was genau ist passiert? – Kannst du mir das bitte erzählen?

Wir erreichen inzwischen die Küche, wo meine Freundin Ute am Herd steht und an ein salziges Reisgericht rührt. Sie ist aus Bayern zu Besuch und hat mir gerade zuvor gesagt, was ich für eine tolle Familie hätte und die Kinder seien der Wahnsinn und das ich ganz zufrieden sein kann.

Das mit dem Wahnsinn erscheint mir jetzt in einem ganz anderen Licht.

Ich habe die Leila getackt – der Sohn redet schnell, wie jemand, der das ganze hinter sich bringen will -  aber nur so, schau mal, nur so – er zeigt mir eine zarte Handbewegung- und dann fing sie an zu heulen, und dann kamen sofort die anderen, und haben mich angeschrien, dass ich sie in Ruhe lassen soll, dabei habe ich gar nichts gemacht und das war nur eine Sache zwischen mir und Leila, und ich habe ihnen gesagt, haltet euch da raus, aber sie wollten sich da nicht raushalten, und dann bin ich immer wieder weggerannt und dann habe ich sie gebissen.

Äh… und warum bist du weggerannt? Und warum hast du sie gebissen?

Weil sie sagten ich soll mich beruhigen, aber ich kann mich dann nicht so schnell beruhigen, da müsste ich zum Doktor damit er mir Pillen gibt. Beruhigungspillen.

Ute schaut wohlwollen lächelnd vom Herd rüber, wie jemand die sich entschieden hat, in unserer Familie alles gut zu finden, egal was passiert, aus reiner Zuneigung. Sie würde mich vermutlich auch im Knast besuchen wenn ich mal in einem dieser Momente in denen ich mich nicht beruhigen kann das Haus anzünden würde. Ich dagegen habe Schwierigkeiten, der Erzählung meines Sohnes zu folgen, denn bestimmte Gedanken fordern auf einmal ganz viel Platz in meinem Kopf. Zum Beispiel:

Ich gebe mir aber so viel Mühe, trotzdem mache ich alles falsch.

Ich brülle viel zu oft.

Vielleicht sollte er doch in die Waldorf Schule.

Alles kein Wunder, bei den Eltern, vor allem bei dem hysterischen Vater.

Die Schule ist Kacke, die Lehrerin doof.

Alle anderen Kinder sind blöd.

Mein Sohn hat eine Vollmeise und dafür kann nur ich etwas.

Wären wir nur in Berlin geblieben.

Wenn das meine Eltern wüssten.

Ist mein Sohn jetzt unglücklich?

Oh Gott, wie kann ich ihn trösten.

Früher war er noch ganz normal, aber meine Hysterie hat ihn verrückt gemacht.

 

Hast du das der Lehrerin erzählt? – frage ich.

Nein.

Warum nicht?

Weil die anderen schon alles erzählt haben, als ich in die Klasse kam.

Hast du deine Version nicht erzählen können?

Er schüttelt den Kopf und spielt mit einem geliehenen Auto.

Warum  nicht?

Weil die anderen alles richtig erzählt haben. Darf ich jetzt zu Dustin?

Öhm…. Noch nicht.

Manno!

Ich habe so ein Gefühl im Körper, das man manchmal in Träumen hat, wenn man losrennen will und die Beine bewegen sich nicht, oder nach etwas greifen will, aber die Hände sind wie gelähmt und im Herzen spielt jemand Bleigießen.

Er packt seine Tasche aus, und zeigt mir sein Heft mit der weinenden Wolke. Der Tag davor Sonne, und davor auch Sonne, und nur Sonne bis zum Heftanfang.  Ute schaut gelassen hinein.

Na bitte schön – sagt sie – da darf das Wetter auch mal schlecht werden.

Ich lache verkrampft. Das stimmt zwar, mit der vielen Sonne und überhaupt ist er der Beste in der Klasse und bekommt immer viel Lob, aber wenn das jetzt ab heute nur noch so geht? Und wenn er ab jetzt sich jeden Tag nur noch mit der gesamten Klasse prügelt? Und wenn ihn keiner mehr mag? Wenn heute der Tag ist, ab dem alles nur noch schief geht? Das erscheint mir sehr realistisch, das würde genau in meinem Weltbild passen. Das war doch bei Hiob auch so. Und mein Glaube hat nicht mal die Größe von einem Katzenfloh im Verhältnis zu seinem.

Kleine Jungs kloppen sich, das ist ganz normal – sagt Ute – hat meiner auch gemacht.

Mich kann aber nichts beruhigen. Vielleicht sollte ich eine Pille nehmen. Oder zum Doktor gehen.

Sohn, du musst lernen, dich zu beruhigen – sage ich – und dich nicht so in Dinge hineinsteigern.

Er schüttelt entschieden den Kopf: Das kann ich nicht.

Und warum hast du der Lehrerin nicht erzählt, wie das aus deiner Sicht war?

Sie glaubt mir eh nicht.

Was glaubt sie dir nicht?

Das ich nur aus Versehen Gebissen habe.

Aha?

Ja, ich habe nur grade meinen Mund zugemacht, und genau dann war ein Arm dazwischen…. Und das zweite mal auch.

Die Ute schaut mit Anerkennung rüber und lacht. Ich bleibe ernst, wie eine Mutter, die erziehen muss. Nehme einen tiefen Atemzug.

Also, das kann ich dir auch nicht glauben.

Der Sohn schaut mich entgeistert an und fängt sofort zu flennen an.

Siehst du, nicht mal du  glaubst mir!

Was ich jetzt sinnvolles tun könnte, steht wirklich in keiner Statistik. Denn ich weiß, es gibt viele Wahrheiten. Sehr viele.

Das weinen dauert recht kurz. Er wischt sich die Tränen von den Augen und fragt:

Darf ich jetzt zu Dustin?

 

Später sind wir in einem Second Hand-Laden. Die Jeans , die ich für ihn ausgesucht habe, gefällt ihm nicht. Er schaut die Reihe durch, holt eine blaue Stoffhose von der Stange, die er unbedingt haben will, mit einem Tiger  am rechten Bein. Die Hose passt, wir kaufen sie und laufen fröhlich die Straße entlang.  Ich bleibe ein bisschen zurück, schaue auf seinen Hintern. Da lese ich etwas, dass ich vorhin gar nicht entdeckt habe:

Warning. He may bite – steht dort geschrieben.

 

 

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Mein Sommer mit A.

„Du kannst mich auch mal besuchen“, sage ich.

„Ich habe keine Zeit um aufs Land zu fahren, ich bin immer nur kurz in Berlin“, antwortet er und stochert in seiner Fetuccini mit Parmesan in Tomatensoße. „Außerdem habe ich dich schon drei mal besucht…“

Es ist heiss, wir sitzen beim Italiener, draußen auf einer kleinen Piazza in Kreuzberg. Schattige Bäume, Karodecke auf dem Tisch, Tafelwein, Espresso. Fast wie im Süden, fast wie im Urlaub, fast glücklich.

Ich zähle nach, aber ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, wo A. mich auf dem Land besuchen kam. Paar Tage nach dem Kaiserschnitt, ich lag nach schweren Blutverlusten flachatmig und blass im Souterrain unseres neuen Zuhauses,  in meinem ersten Schlafzimmer, mit zwei Nachtschränken und einem Garderobenschrank, die Bilder ordentlich gehängt, mit Rahmen, statt schräg klebende Plakate und Zettel, keine Bücherhaufen mehr auf dem Boden, die als Tisch dienen, die Austattungsteile aus frühen Filmen sind abgeblieben, das Plakat mit den vergrößerten Grashalmen, der Riesenfuchs, Tariks glitzernde Stehlampe, Christian in Schlaghose mit der Farbpalette in der Hand. Die Anjas, Annettes und Oskars die umsonst und voller Hoffnung bei meinen Filmen mitgearbeitet hatten, die meine besten Freunde für einen Sommer waren, wurden schon lange aus dem Adressbuch gelöscht.

Nur A. war noch da, er war mein bester Freund. Mit ihm wollte ich mein Leben verbringen, denn eine gute Freundschaft kann viele Affären überleben und auch einige Ehen, dachte ich, eine gute Freundschaft begleitet einen bis in den Tod.

Ich konnte mir kaum einen Tag vorstellen, an dem er nicht anrufen und mit lang gezogenen Vokalen und Schweizer Sing-Sang „Hellöööö hier ist der AAAA….“ sagen würde, und fragen ob ich schon zu Mittag gegessen hätte, ob wir Kaffee trinken oder einen Film gucken wollen, wann wir den Stoff weiter entwickeln über das böse Ausländermädchen das als Babysitterin Unfug in deutschen Haushalten treibt.

Es gab Zeiten, da wollten A. und ich jeden unserer zukünftigen Filme zusammen machen.

„Na und, du kannst mich trotzdem mal wieder besuchen“ – wiederhole ich, wie eine Seilkünstlerin, die gerade versucht den dünnen Streifen unter ihren Füßen wieder zu finden, oder eben wie jemand, der nie gelernt hat die Veränderungen des Lebens mit Würde zu nehmen. Ich hoffe heimlich dass es einen guten Grund gibt, warum wir uns kaum noch sehen, kaum noch sprechen, warum wir keine Pläne mehr zusammen haben, denn ein Grund ist immer noch tausend Mal besser als kein Grund.

„Hab dich schon mal besucht “ – sagt er stur, als wäre ein Besuch etwas, was man nur einmal im Leben absolvieren muss, wie ein Erbe, der seinen Pflichtanteil abholt.

Wir hatten die skurrilsten Dinge zusammen erlebt.

Es gab einen Sommer, da besuchten wir in der größten Sommerhitze alle SM Schuppen der Stadt, um Protagonisten für unseren Filmhochschulen – Geburtstagsfilm zu finden, denn dass ein Filmstudium einer sado-masochistischen Veranstaltung ähnelt, darin waren wir uns einig. Wir besprachen unsere Schlachtpläne Vormittags im Badeschiff, in einem mit Chlor vollgepumten Schwimmbecken mitten in der Spree, Schulter an Schulter mit drogengeschädigten Touristen, Blick auf den verlassenen Industriehafen, der grade hip geworden war. Ich konnte bald nicht mehr sitzen, weil mir zwei riesige Eiterbeutel an einer bestimmten Stelle wuchsen, wo ich den Eindruck bekam, mir wachsen die Eier und ich werde jetzt Mann.

A. war bei all diesen Entwicklungen im Detail involviert, denn er war nicht nur mein bester Freund sondern auch meine beste Freundin.

Meine persönliche SM Veranstaltung, mit den eiergroßen Geschwüren auf dem Fahrrad bis zum nächsten Schuppen, wo entweder ein alter Mann eine junge Japanerin auspeitschte oder sie fesselte, oder sich zwei Mädels mit Wäscheklammer gegenseitig in Igel verwandelten oder unten ein Puff war, oder alles zusammen, begleiteten A—s schallende Gelächter und sein immer verständnisvoller Blick. Wir bekamen sogar ein handfestes Angebot zum Geldverdienen, als Regie-Kamera Duo,  SM-Schwulenpornos, finanziert von einem Laden aus Spandau, der Besitzer blond und lockig mit John Lennon-Brille und Kunstverständnis.

„Warst du schon mal bei mir in der Schweiz?“ – erwidert er und sagt, es sei ihm zu nervig aufs Land zu fahren, wenn er nur kurz in Berlin ist, außerdem wäre er auch schon Mal in Rumänien gewesen wegen mir, er schulde mir also nix, er habe viel zu tun. Und er hätte sich genug nach mir gerichtet während unserer Arbeit an dem Spielfilm.

Das vielleicht sein ein Grund, denke ich, mit einer kleiner Erleichterung.  Es gibt bei mir eine Stelle in der Brust, ganz in der Mitte, da wo der Atem die Magengegend berührt, da fällt alles hinein, was vorbei ist und was ich einmal liebte. Das ganze Gewicht Vergangener Dinge hat sich dort angesammelt, ich spüre, wie sich das Loch öffnet, um A. auf Nimmerwiedersehen zu verschlucken und  nippe an meiner Apfelschorle.

Ich habe oft versucht A. auf das Schwinden unserer Freundschaft aufmerksam zu machen, doch er verstand nie, was ich meinte.

Kreuzberg

Volle Fahrradwege

Mittagstisch plus Espresso für ein Zehner

Der kleine Bioladen an der Ecke zu Skalitzer, warte draußen bis ich Milch geholt habe

Lange Gespräche über die Nouvelle Vague

Über Shermans March und die Kunst sich selbst zu filmen

Billiger Rotwein

Eiszeit Kino

Lange Gespräche darüber, wie er mal wieder eine Freundin findet

Lange Gespräche über den ständigen Stress mit meinem bereits Ehemann

Über das I-Ging, Tarot, über Schicksal, Heldenreise und den lieben Gott

Ein Mann der gleichzeitig eine Esotante ist.

Die Mischung machts.

Aufenthalte am Badesee

Risotto mit geriebenem Käse und Zitrone

Weiss gestrichene Dielen

Träume von Cannes und Locarno

Ich war auch mal mit einem dummen Schweizer zusammen.

Die Angst alleine Alt zu werden

Wir bestellen einen Espresso. Der Sommer ist immer noch wunderschön. Es ist nicht der gleiche, lange Sommer mit A. zwischen Badeschiff und SM Schuppen, zwischen meinem dunklen, mit Teppichen vollgestopften Wohnzimmer in Kreuzberg und der nächsten Kneipe, zwischen großen und noch größeren Hoffnungen. Auch nicht das verregnete Frühjahr in Stuttgart, mit  ungarischen Exilanten und deren Theatergruppe,  der Hügel mit dem Waldorfzentrum, der Lammbraten von Hanni, oder das verlassene Haus meiner Cousine in der süddeutschen Pampa. Aber, es ist immerhin einer.

„Ich mache mir keine Sorgen, denn wenn Du etwas lösen willst, dann bist du so lange dran, bis du es gelöst hast“ – er sitzt  entspannt  im Liegestuhl während mich die argsten Sebstzweifel plagen. Ich hatte immer das Gefühl, das er derjenige war, der am meisten an mich geglaubt hat.

„Ich muss mich jetzt beeilen, ich fahre aufs Land“ – sagt er – „eine Freundin besuchen“. Der Widerspruch fällt ihm nicht auf. Oder der Verrat.

Es ist nicht passiert. A. wohnt jetzt in mir, in diesem Raum zwischen Zwerchfell und Bauchdecke, zusammen mit allen die ich nie loslassen konnte. Dort braucht man keine Angst zu haben, alleine Alt zu werden, dort werden viele gute Filme gedreht, Romane geschrieben, dort hat man Geld ohne Ende und  ist in bester Gesellschaft. Und ich mochte katholische Kirchen immer mehr als protestantische, wegen den vielen Bildern an der Wand.

A. hat schon lange eine Frau gefunden, mit der er glücklich ist. Er ist weggezogen, zurück in seine Heimat. Er dreht viel und ist ein gefragter Kameramann. Er revolutioniert die Filmindustrie mit anderen und woanders. Und ich verbringe mein Leben nicht mit A.

Und nicht jede Freundschaft kann eine Ehe überleben.

 

 

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Die ungarische Salami

Mit der ungarischen Salami habe ich nichts zu tun. Das möchte ich gleich mal zu Anfang festhalten. Denn, die ungarische Salami kommt aus Ungarn, ich aber nicht. Damit sei alles gesagt.

Oder fast alles. Mit Marshmellows zum Beispiel habe ich auch nichts zu tun, denn sie finde ich eklig und sie kommen auch von ganz woanders.

Manchmal habe ich bei Aldi doch mit ungarischer Salami zu tun. Die befindet sich in den mittleren Regalreihen,  ganz unten. Das ist in jeder Aldi Filiale so. Sie ist eine von den billigsten Salamisorten, aber sie lohnt sich wirklich. Wegen ihrem penetranten Geschmack hält sie sich ewig,  man kann nur wenig davon essen. Das ist die Gourmet-Seite der ungarischen Salami. Aber ich will hier keine Werbung machen. Sowieso hat alles mehrere Seiten.

Neulich war ich zum Beispiel in Steckelsdorf.

Steckelsdorf ist ein Dorf direkt hinter Rathenow, welches wiederum eine Stadt  in Brandenburg ist. Brandenburg ist das Land um Berlin herum.

Steckelsdorf hat ein Eiscafé, Familienbetrieb seit 1952 mit selbstgemachtem Eis, das Eiscafé Schwarz.

Das sind so die Orte, wo ich mich in der letzten Zeit herumtreibe. Warum ich das tue, das weiß ich selber nicht. Denn, nur ich kann es wissen, aber mich kenne ich nicht. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich mir noch nie begegnet bin. Und eine Wildfremde anzusprechen, fällt selbst mir schwer.

So sitze ich Steckelsdorf, im Eiscafé Schwarz, vor mir ein heißer Apfelstrudel, mit zwei Kugeln Vanilleeis, neben mir meine Tochter im Kinderstuhl, bis an den Haaransatz mit Erdbeersoße beschmiert, gegenüber meine Freundin P. mit einer gut erkennbaren Vokuhila , blondiert und mumifiziert seit 1986. Die Einrichtung ist in Gelbtönen gehalten, die Deckchen, die Wand, die Teppiche, alles sehr sauber und freundlich. Omas wie nach einem Fotoshoot für den Otto-Katalog, kleine Spielecke. Statt Garten ein Parkplatz mit ganz-ganz vielen Autos. Ich höre meiner Freundin P. zu. Die perfekt zu der Einrichtung passt und frage mich, wie ich hier gelandet bin.

Steckelsdorf hat einen sehr schönen Badesee, das hat mir die sehr nette Bedienung erzählt, eine kurvige Hauptstraße, große Bauernhäuser links und rechts, Brandenburger Gründerzeit, eine Gaststätte, ein ehemaliges Pionierlager und ganz viele Plakate für die NPD, praktisch auf jedem Strommast. Das ist sicher nur vorübergehend so, denn das habe ich schon mal erlebt hier, vor den letzten Wahlen. Dann sind sie verschwunden und die NPD hat nirgendwo einen nennenswerten Sieg errungen, was ich sehr schade finde. Denn die NPD sagt über andere auch nichts anderes als ich über die ungarische Salami. Kommt von woanders her, hab ich nichts mit zu tun.

Ich will hier keine Werbung für die NPD machen, aber es ist so, dass sie manchmal meine letzte Hoffnung sind. Ich hoffe nämlich, dass sie ganz stark werden und mich endlich nach Hause jagen.  Dann muss ich niemandem etwas erklären, Familie, geschenkt, denn wenn einer verfolgt wird, dann muss er fliehen. Das wissen wir mittlerweile, dass es besser ist. Dann zählt auch kein Ehemann keine Firma und nix.  Herrlich. Über Nacht Sachen packen und weg! Und dann weiß ich zumindest warum ich da bin, wo ich bin und nicht woanders.

Das hat aber nix mit der ungarischen Salami zu tun. Oder doch? Wenn alles mit allem zusammenhängt, dann steckt auch in Steckelsdorf etwas ungarische Salami. Zumindest in einer Alditüte, auf einem Küchentisch. Das sind so die Orte, wo sich Kulturen berühren.

Ich möchte sagen, ein Ausflug nach Steckelsdorf lohnt sich. Im Sommer wenn man mal nicht weiß wohin, dann auf nach Steckelsdorf.  Baden, Eis essen. Das dürfte ein Grund sein, der zumindest einen Nachmittag lang, einem sinnvoll erscheint.

 

 

 

 

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Das Putzgen

Papa, würdest du bitte die Küche fegen?- frage ich meinen Vater. Er sitzt am runden Tisch, zwischen dreckigen Tellern, abgenagten Knochen und sonstigen Resten eines Festmahls, den ich extra für ihn veranstaltet habe, denn er ist nicht alle Tage in Berlin. Er trinkt ein Schlückchen aus seinem Slivovic, atmet gut hörbar durch, wie das nur Leute mit  großem Resonanzkörper und chronisch verstopfter Nase können, und antwortet nicht.

Ich räume die Teller zusammen, werfe die Knochen weg, spüle. Mein Mann bringt die Kinder ins Bett, meine Schwester macht die Betten. Papa gießt sich wieder Schnaps ein, und schaut fröhlich in die geschäftige Runde.

„Weißt, du, was der Präsident der rumänischen Akademie für eine dunkle Gestalt ist?“ – fängt er mit seinem Lieblingsthema an, nämlich Rumänien und die Politik, und der Antidiskriminierungsrat in Bukarest, wo er als Anwalt Dauergast ist. Er vertritt Menschenrechtsverletzungen auch oft  unentgeltlich oder aus eigener Initiative. Alles und jeder, der sich rassistisch, minderheitenfeindlich oder einfach nur schwer ignorant verhält, wird von meinem Vater bei der Kommission angezeigt. An sich eine sehr ehrenwerte Sache.

„Ich meine dunkel im Kopf…“ – fährt er fort und schüttelt seinen. „Lieber Gott, in der Rumänischen Akademie herrscht noch Mittelalter…“

„Also Papa, fegst du, oder was passiert“ – ich falle ihm ins Wort und bin fest entschlossen dieser Sache mit dem Fegen heute endgültig auf den Grund zu gehen.

„Ich kann nicht fegen“ – antwortet er und das habe ich ohnehin geahnt. Denn ich sah ihn noch nie im Leben mit einem Besen in der Hand. Oder mit einem Putzlappen. Oder mit einem Waschlappen. Beim Wäschefalten, oder beim Bügeln. Umso häufiger sah ich ihn beim politische Diskurse führen, etwas rigoros zu Ende erklären, recht haben oder recht haben wollen, mit Bärenschritten und Aktentasche in der Hand durch die Straßen laufen, seinen Anwaltstalar in einer Plastiktüte baumelnd. Im Büro sitzen, und profilaktisch „Aha und Ühüm“ sagen, für den Fall, dass ihn jemand etwas gefragt hätte.

Ich sah ihn aber auch beim Rock´n Roll tanzen oder  zu viel Schnaps beim Schweinschlachten trinken. Manchmal beides zusammen.

Im Sitzklostil Skilaufen. Nach dem Mittagessen zehn Minuten schlafen, immer im Pyjama.

Vor riesigen Massen reden halten. Im Fernsehen Statements abgeben.

Aber fegen? Das nicht.

Neulich wurden dank seiner Anzeige der Bürgermeister unserer siebenbürgischen Kleinstadt, die gesamte Stadtverwaltung, ein Freizeit-Radiosender und dessen Sprecher wegen Diskriminierung zu Geldstrafen verurteilt. Und das nur, weil sein Enkelsohn, also mein Sohn, im Sommer im Freibad verloren ging und der Moderator von “Radio Ferien“ sich weigerte, einen Hilferuf auf ungarisch oder auf Deutsch zu entsenden, also auf einer Sprache, dass das betroffene Kind auch versteht. „Hier spricht man nur Rumänisch“ – donnerte er, woraufhin mein Vater einen Zettel nahm, seinen Namen aufschrieb und ging.

Ich glaube dass dieser Moderator am nächsten Tag in einen Schock verfiel, wovon er sich bis heute nicht erholt hat, als er beim morgendlichen Kaffee in die Zeitung sah und was las? Dass er einem Kleinkind in einer Notsituation die Hilfe verweigerte, im rigorosen Festhalten daran, nur rumänisch sprechen zu wollen.  Und als er dann das Radio einschaltete um stündlich die Ansage über sich selbst zu hören, und im Internet den Shitstorm sah, da brach für ihn eine Welt zusammen. Die nämlich einer rumänischen Kleinstadt, in der man alles unbestraft machen, Menschenrechte mit Füßen treten, Minderheiten diskrimnieren, Steuern hinterziehen, sich mafiös organisieren und an der Korruption beteiligen kann, ohne jemals dafür belangt zu werden. Denn nun, das erste mal in seinem Leben, wurde er für ein Unrecht, das er getan hatte, zur Rechenschaft gezogen. Und mit ihm sein Sender, die für den Sender zuständige Stadtverwaltung und der dafür zuständige Bürgermeister.

Dass dieser Moderator selber ein Ungar ist, wie sich bald herausstellte, der sich als rumänischer Nationalist ausgibt, tut nichts zur Sache. Außer, dass es die dostoiewskischen Abgründe einer Gesellschaft zeigt, in der ethnische Konflikte zur Normalität gehören.

Mein Sohn tauchte im übrigen kurze Zeit später auf, und alles war mit ihm in Ordnung.

„Ich kann’s dir zeigen, wie fegen geht.“  – sage ich meinem Vater und  denke darüber nach, dass ihm mein Lammbraten wieder nicht geschmeckt hat, und die Suppe erst recht nicht, denn er sagte ständig, dass es „interessant“ sei.

Meinen  Spielfilm verstand er auch nicht, angeblich weil dort zu Hälfte deutsch gesprochen wird. Englische Untertitel bringen da auch nichts. Die einzige Fremdsprache die er spricht ist rumänisch.

In meinem Dokumentarfilm fühlte er sich falsch dargestellt.

Den Rest hat er gar nicht gesehen.

Er fand es nur tragisch, dass nicht mal irgendwas von mir auf der Berlinale lief. Oder in Cannes. Das hätte ihm dann doch Freude bereitet, vor allem die Szene, wie ihn Leute auf dem Markt anhalten und fragen, wie es seiner Tochter geht und er darauf antwortet: Danke gut, ihr Film läuft gerade in Cannes.

Ich nehme den Besen in die Hand, und mache ein paar deutliche Bewegungen in seine Richtung.

„Lass mal. Fegen ist nichts für mich“

„Warum nicht?“

Achselzucken, schweigen.

„Ist in Ordnung, aber ich möchte zumindest von dir hören warum. Eine Erklärung wissen. Du musst dir da schon etwas dabei gedacht haben. Du hast doch immer eine logische und plausible Erklärung…. Du willst doch nicht, dass ich etwas ohne eine Erklärung einfach so akzeptiere. Schließlich glauben wir an den Lieben Gott genau aus dem Grund nicht. Weil es für seine Existenz keine Erklärung gibt.“

Mein Vater schweigt. Er grunzt und kichert in sich hinein, nervös, als würde ein kleines Männlein in einem Topf rühren, direkt unter seinem Bauchnabel.

„Ist das etwa… eine zu niedere Arbeit für dich?“

Weiteres Schweigen.

„Wenn du schweigst, dann nehme ich das als Einverständnis“.

Keine verbale Reaktion.

„Gut… Alles klar. Weiß ich Bescheid.“

Ich fege weiter, er trinkt seinen Schnaps.

„Aber, das Mama fegt, das ist nicht weiter schlimm, ja? Sie ist Professorin. Hat zweihundertfünfzig wissenschaftliche Abhandlungen veröffentlicht. Darunter mehrere Bücher und einen Bestseller mit dem Titel „Giftige Zimmerpflanzen“. Sie ist Vorsitzende der Vereinigung „Ungarische Dozenten für die Erhaltung der Muttersprache an der Medizinisch-Pharmazeutischen Universität Targu-Mures“ . Sie kämpft für zweisprachige Tafeln an Korridorkreuzungen oder Toiletten. Das ist mindestens genauso spannend  wie ein Strandradio beim Antidiskriminierungsamt anzuzeigen…. Wo also ist der Unterschied zwischen euch, dass sie fegen soll und du nicht?“

Je länger ich nachfrage, desto lauter wird das Schweigen. Das kleine Männlein da drinnen muss mittlerweile so schnell rühren, um meine Fragen zu übertönen, dass meinem Vater buchstäblich die Ohren zuckeln, obwohl er mittlerweile kaum noch atmet um nichts von sich preiszugeben. Ich sehe plötzlich Rumpelstilzchen, das gerade gemerkt hat, das man seinen Namen weiß. Oder Gulliver im Zwergenland, der nicht weiß, wohin er treten darf.

Während ich das Kehrblech in die Mülltonne entleere, denke ich über die möglichen Erklärungen nach, warum eine Frau wie selbstverständlich manche Arbeiten macht, die wiederum ein Mann nur unter massivem Gesellschaftszwang zu tun bereit ist. Denn in einer Gesellschaft, wie die rumänische, wo keinerlei Zwang besteht, macht auch kein Mann etwas im Haushalt.

Neulich saß ich mit einem großen blonden Mann, dem Lebensgefährten meiner ungarischen Busenfreundin, einem schwedischen Künstler in einer Berliner Eckkneipe. Wir tranken und rauchten uns die Hucke voll, denn das ist ein Schwede, der säuft und raucht, als käme er aus Ost-Europa. Das finde ich sehr angenehm an ihm. Wahrscheinlich hat er sich deswegen meine Freundin, eine typische Ost-Europäerin mit einem Hang zur unnatürlichen Blondierung und Minirock mit Tigermustern ausgesucht.  Der Schwede also, der im übrigen auch schon mal in der MOMA ausgestellt hat, und in allen möglichen Themen sehr bewandert ist, so als wäre er gar kein Künstler, sondern Professor für Medizinwissenschaft, sagt auf ein Mal, und ich weiß,  gar nicht mehr, wie wir darauf kommen, dass Frauen eine besondere, angeborene Begabung fürs Putzen hätten. Genauso, wie sie einen natürlichen Mutterinstinkt besitzen, zumindest meistens. Große Werke hingegen, könnten Frauen eigentlich nicht vollbringen. Man schaue nur die Wissenschaft an, die Kunst, die Musik an. Das sei eindeutig.

Es gibt Momente, in denen sich der Teufel in Urlaub auf Alaska aufhält und ich ganz alleine bin. Das finde ich sehr schade. Denn der Hypothese des Putzgens empörtes Feministinnengerede entgegen zu setzen, beleidigt tun oder politisch korrekt zu argumentieren ist fast so, wie eine Bestätigung.  Und wer sich rechtfertigen muss, hat seine Niederlage bereits zugegeben. Also entschied ich mich, ernsthaft darüber nachzudenken, ob das stimmen könnte.

Denn, das wäre eigentlich auch putzig. Das Putzgen. Das könnte man dann auch Männern implantieren oder Embryos. Oder Tieren. Die Putzgans, zum Beispiel, wäre eine Gans, die einem die Wohnung sauber macht. Von dem genmanipulierten Hausmann der Zukunft gar nicht zu sprechen. Das könnte sogar ein Exemplar werden, der je mehr abwäscht, desto weniger sexuelle Lust besitzt, wie eine ganz normale Hausfrau eben. Eine super Vorstellung. Denn ich empfinde den postmodernen Lustzwang als ziemlich anstrengend.

Ich schaue also meinen Vater genau an und bin nicht bereit aufzuhören, denn der Teufel ist von seinem Alaska Urlaub Gott sei Dank zurückgekehrt.

„ Wenn jemand also, eine minderwertige Arbeit nicht machen muss, während die Andere ja, dann heißt es schlicht, dass diese beiden Menschen nicht gleichwertig sind…. Das heißt also, dass Mama weniger wert ist als du. Und warum? Ich kann zwischen  euch nur einen Unterschied entdecken: du bist Mann und sie ist Frau… das heißt für mich im Umkehrschluss, dass für dich Frauen weniger Wert haben, als Männer…. Nicht schlimm. Muss man nur dazu stehen.“

Stille. Mein Vater steht  langsam auf.

„Na… dann gehe ich jetzt mal schlafen. Gute Nacht“ – sagt er und verlässt leise den Raum, wie einer, der gerade aufgegeben hat.

Am nächsten Morgen herrscht fröhliche Stimmung in der Küche. Die Kinder quatschen, wir trinken Latte Macchiato, selbst gemacht. Mein Vater erscheint und setzt sich zum gedeckten Tisch. Wir reden über den Antidiskriminierungsrat und über seinen Mandanten Tökés, den Helden der Revolution, dem der rumänische Staat ungerechter Weise das Ehrenkreuz entziehen will.

Das Frühstück geht zu Ende, wie immer. Wir räumen den Tisch ab, mein Mann geht mit den Kindern, die Schwester verschwindet im Bad. Es wird stiller, ich bleibe mit meinem Vater allein.

„Ich finde es im übrigen sehr gut, dass ihr eurem Sohn beibringt, zu Hause zu helfen“ – sagt er plötzlich.

Ich schaue meinen alten Vater erstaunt an. Denn er ändert prinzipiell niemals seine Meinung. Nichts kann ihn überzeugen, wenn er etwas nicht glaubt. Und Selbstkritik übt er sowieso niemals.

„…So wie wir damals aufgewachsen sind, das geht heute nicht mehr“ – fährt er fort.

Er sucht nach Worte. Bisschen ist er verlegen. Ich warte ganz andächtig. Denn er ist grade dabei das größte Zugeständnis seines Lebens zu machen.

„Und das war auch nicht richtig…so wie wir erzogen wurden…auch Männer müssen helfen“

In der Küche ist es ziemlich warm. Aus dem Hinterhof tönen die fetzen einer Arie, der Sänger übt wieder. Und mein Vater hat grade einen Weg gefunden, etwas anzuerkennen, ohne sich selbst dabei zu verraten.

Denn fegen wird er trotzdem nicht. Nicht in diesem Leben.

 

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