20. März

Ich laufe zum Hauptplatz in die Menge hinein und bleibe stehen. Um mich herum wird wild gebrüllt. „Nieder mit ihm!“ –„Verschwinde Verräter“, Buhrufe und Schimpftiraden. Mein Vater steht auf  dem Steinbalkon des schönen, alten Rathauses  mit seinen Jugendstiltulpen. Grauer Märzhimmel, es weht ein eisiger Wind, der Hauptplatz ist mit Menschen gefüllt. In allen Fensterfronten hängen Menschentrauben, viele tragen noch ihre Wintermützen aus schwarzem Schafsfell, grimmige Gesichter, zwischen Barock und Jugendstil, altem Stuck und kaputtem Putz. Die Spuren einer vielversprechenden Vergangenheit, aus der nichts wurde. Mein Vater versucht etwas zu sagen, seine Stimme wird im Grölen und Beschimpfungen erstickt. Die spärlichen Haare kleben flach über seinem Schädel, eine  „Telefonfrisur“, sagt meine Mutter; sein  altes, grün-blaues Karojackett ist an den Ärmeln ausgebeult und zu kurz, die große Brille bedeckt halb sein gequältes Gesicht. Er versucht der Masse zu trotzen und redet weiter, man hört ihn nicht, sieht nur seine Mundbewegung, wie ein Fisch auf dem Trockenen,  es ist klar, dass es nicht lange gut gehen wird. Die Masse kann in das Gebäude eindringen und er wird in so viele kleine Teile gerissen wie die Karos auf seiner Jacke, und dann war´s das mit meinem Vater, tschüss, vor drei Monaten noch ein Held, bald ist er tot und meine Mutter gibt bestimmt kein gutes Bild ab als Witwe, und wir sind Kriegswaisen oder man bringt uns auch um.  Ich fühle mich als würde jemand kaltes, flüssiges Blei durch meine Adern fließen lassen, intravenös, ich werde vollkommen eingegossen in eine unendliche kalte Schwere, ich bewege mich nicht mehr und höre auf zu atmen. Ich starre meinen Vater an, als könnte mein Blick ihn schützen, dann in die schreienden Gesichter, offene Münder, bitte nicht umbringen, ich bin schließlich die Tochter und niemand will vor Zeugen töten. Doch niemand erkennt mich, niemand sieht mich. Durch den Lautsprecher rauschen Wortfetzen meines Vaters: „die Securitate und das Militär und die alten Machthaber… heizen die nationalistischen Gefühle an… um von sich selbst abzulenken … ihre Macht wieder zu stabilisieren… ich bin  Opfer einer Hetzkampagne… bitte hört mich an…“

Jemand berührt meinen Arm und lächelt freundlich. Ich zucke zusammen. Es ist Rita, meine Literaturlehrerin. Sie nimmt mich sanft an die Hand „komm mit, komm mal mit“ – und führt mich aus der Menge raus, ich folge ihr, wie fremdgesteuert, sie ist winzig klein und blond, ihre Lippen schwarz vom vielen Rauchen. Sie begleitet mich lächelnd, mit leichten Schritten. „Was machen wir jetzt“ – frage ich und finde es ganz erstaunlich, dass sie lächelt, vielleicht ist sie verrückt geworden, denke ich – „Wir gehen jetzt schön nach Hause“ – sagt sie, und das Lächeln weicht ihr nicht von dem Gesicht.

Wir laufen die kleinen Straßen entlang, nach Hause. Tante Rita an meiner Seite.  Der Bürgersteig ist schmal und an vielen Stellen aufgebrochen. Ich kenne jede kleine Ritze, jedes Blumenbeet an den Seiten, die Krokusse blühen schon,  obwohl es kalt ist, die Sträucher sind voller Knospen und leuchten hellgrün. Es riecht nach nasser Erde, nach Blumen und Schlachthof. Die Einfamilienhäuser sind hoch umzäunt, die Gärten dahinter kann man nur erahnen, aber ich weiß , wie sie aussehen, ich kenne die Rosen, den Flieder, die Hortensien und den Wein über jeder Veranda, jeden mit Plastik bedeckten Gartentisch. Vom Hauptplatz hört man die Menge immer noch grölen.

Piri, unsere Haushälterin mit hübschem Gesicht und dickem Arsch, öffnet die Tür. Ich sehe den verschmierten Lippenstift um den Mund und die wuscheligen Haare, mit einer flachen Stelle am Hinterkopf, als wäre sie grade  aufgestanden. „Piri ist nicht ganz koscher“ – pflegt meine Mutter zu sagen, „wer weiß, was sie den ganzen Tag macht“, aber ich will es nicht hören, weil ich sie mag. Sie läuft vor uns in die Küche, sie scheint ganz entspannt zu sein, als wäre sie im Urlaub und nicht in einem wild gewordenen post-kommunistischen Kaff, mit zwei Nationalitäten die sich hassen, und die die Last von vierzig Jahren Unterdrückung genau heute oder morgen loswerden wollen und sich schon mal warmbrüllen und warmschwingen mit Stöcken und Knüppeln für die ganz große Befreiung, nach der nichts mehr übrig bleiben wird. Und das zwei Straßen weiter auf unserem Hauptplatz. Die Wohnung ist aufgeräumt und die Suppe muss schon seit längerem fertig sein. Eine dünne Fettschicht liegt auf ihrer Oberfläche, wie die Haut einer alten Frau. Ich setze mich, Tante Rita auch, sie will nichts essen, aber gehen will sie auch nicht, ich glaube sie macht sich Sorgen um mich. Sie zündet sich eine Zigarette an und ich löffele die gelbe, lauwarme Suppe, die genauso schmeckt wie alle anderen Suppen hier, Piri kocht wie alle anderen Frauen vom Dorf, die bei uns kochen, seit ich mich erinnern kann, weil meine Mutter sich aus Prinzip nicht um den Haushalt kümmert. Ich lächele Piri an, sie zwinkert mir zu: „Schmeckt es?“ – fragt sie und strahlt und ich nicke. Es schmeckt mir wirklich, dieser Geschmack ist für mich Heimat, auch die Fetthaut auf der Oberfläche. Ich weiß es nicht, dass ich  Piri  heute das letzte Mal sehe, dass sie gehen, ein wenig Goldschmuck mitnehmen und nicht wiederkommen wird, genauso wie viele enge Freunde, die uns ab heute nie wieder besuchen und die uns nicht mehr anrufen werden. Es wird nichts mehr sein wie es war und keiner weiß es. Ich schaue auf die sonnendurchflutete Terrasse und löffele die Suppe aus. Das Ende meiner alten Welt ist strahlend und schmeckt nach Mehlschwitze.

 

Heute vor 25 Jahren, am 20. März 1990 gab es in meiner Heimatstadt Targu-Mures, Rumänien, nach langen Monaten von Protesten, Demos und Gegendemos, sowie nach einer pogromartigen Ausschreitung gegen die ungarische Bevölkerung am 19. März eine blutige Straßenschlacht zwischen Rumänen und Ungarn. Militär und Polizei haben die Eskalation nicht verhindert, sondern mit angeheizt. Es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Warum das alles passiert ist, darüber wurde viel geschrieben. Filme wurden gedreht. Für mich ist dieser Tag aber Familiengeschichte. Mein Vater musste fliehen, er kam Jahre später wieder, als seine Töchter schon erwachsen und nicht mehr zu Hause waren. Alle Machtstrukturen haben sich neu formiert. Alte Freundschaften lösten sich auf.  Die Ungarn und die Rumänen flüchteten in parallele Welten, um ihren Hass seltener spüren zu müssen. Und Rumänien ist immer noch ein rassistisches Land.

Der 20. März 1990 war für mich und für viele andere einer dieser Tage, an denen eine Welt aufhört zu existieren. In diesem Fall die Welt einer friedlichen, kleinbürgerlichen, siebenbürgischen Stadt mit ihren durch den Kommunismus konservierten, alten Werten.

Es war besonders warm und sonnig. Ohne Sonnenfinsternis.

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2 Antworten auf 20. März

  1. Pingback: Woanders – diesmal mit einem Dorf, Bismarck, einer Pfarrerin und anderem | Herzdamengeschichten

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