Es hatte zwei Tage gedauert, bis ich zu mir kam. Diese Hochzeit war das I-Tüpfelchen gewesen, nach wochenlanger Sauferei zwischen Uni, Kneipe und Studentenwohnheim. Als ich die Augen öffnete, sah ich meine Mitbewohnerin gut gekämmt am Schreibtisch sitzen. Sie hielt „Wahrheit und Methode“ von Gadamer in der Hand und schien darin ganz- und gar vertieft zu sein. Ich spürte, wie es mir langsam übel wurde, mit leisem Hämmern kündigte sich ein schreckliches Kopfweh an.
Ich trottete ins Bad, leicht gebückt, um an der Schwelle nicht mit dem Kopf anzustoßen, und kämpfte mich zwischen den riesigen Unterhosen unserer Vermieterin bis zur Toilette vor. Das Bad hatte kein Fenster, wir wohnten im Souterrain einer alten Villa zur Untermiete, es herrschten tropische Temperaturen, gefühlte neunzig Prozent Luftfeuchtigkeit, und ein unbeschreiblicher Geruch zwischen Schimmel, Parfüm, Waschmittel und weiblichen Ausdünstungen. Der alte Metallofen brummte neben mir wie ein ausgemusterter Kater und strahlte brühende Hitze aus. Er stand kurz vor der Explosion. Ich kniete mich hin und legte meine Stirn auf den weiß emaillierten Wannenrand, um ein bisschen Kälte zu spüren, und meinen Kopf still zu kriegen. Der Dichter, die Unterhosen, Tante Ediths riesiges Hinterteil und Hans-Georg Gadamer, die Gedanken tummelten sich wie eine Armee auf der Flucht und ließen sich unter keinen Morddrohungen stoppen. Ich schloss die Augen. Da wurde alles noch schlimmer. Mir fielen die zweiunddreißig Abtreibungen von Tante Edith ein (so hieß unsere Vermieterin) und ihre fünf Kinder, und ich musste zwanghaft nachrechnen, wie viele Schwangerschaften das im Jahr bedeutete, ich kam auf drei im Schnitt, gar nicht so viel, in Rumänien war Abtreibung wie die Pille und das Kondom in einem, dachte ich, das normalste der Welt, Frauenalltag, wie das ständige Abwaschen. Die meisten kamen entweder gerade von einer Abtreibung oder gingen dahin, manchmal begleitete man sich und kochte sich danach einen Tee und dann ging das Leben einfach weiter, mit ständig blutiger Unterhose und Angst vor den nächsten „Unfall“. Bei diesem Gedanken musste ich mich übergeben. Danach ließ ich kaltes Wasser über mein Gesicht laufen.
Dreiviertel Stunde später klopfte es an der Tür. Meine Mitbewohnerin wollte rein. Auch wer Gadamer ließt muss mal scheißen, dachte ich, und verließ den Raum um im dunklen Korridor zu warten, mit Blick auf Tante Ediths Zimmertür, halb verglast, mit dickem Tüll behangen, dahinter flimmerte, wie immer, das Fernsehen. Vor dem Fenster lief die verlassene Ehefrau eines berühmten Schauspielers entlang, die in der ersten Etage wohnte, mit verzweifeltem Gesichtsausdruck und knochendünn vom Saufen. Seit sie verlassen worden war, konnte sie nicht mehr aufhören zu trinken. Das war zwanzig Jahre her.
Es dauerte nicht lange und ich stand am Straßenrand mit einem Budapest–Schild in der Hand, hinter mir der Name „Cluj-Napoca“ fett durchgestrichen, vor mir nasses, dunkelbraunes Brachland, und Budapest hinter dem Horizont mit seinen Lichtern und riesigen Jugendstilgebäuden, und geilen Clubs. Das non plus Ultra für eine wie ich, aus der siebenbürgischen Provinz, die die einzige Kneipe in ihrer Kleinstadt längst satt hatte.
Der Dichter saß tatsächlich da, an einem kleinen runden Tisch mit weißer Tischdecke, zwischen vier ionischen Säulen, über seinem Kopf ein Baldachin, und nippte an seinem Café. Ich bekam einen Lachkrampf. Es war Donnerstag, auf der Ringstraße in Budapest fuhr alle drei Minuten die Straßenbahn entlang und ließ das alte Gebäude erzittern. Durch die verzierten Fensterscheiben drang permanentes Hupen und Geschrei hinein, die Stimmen der Großstadt. Die Wand, vor langer Zeit gold und lila gestreift, hatte längst ihren Glanz verloren, doch das Orchester trug immer noch Smoking und spielte Hits aus den 30-ern. Ich fragte mich, in welchem Film ich gerade gelandet bin. Der Dichter riss seinen Mund weit auf und sah mich an, als wäre ich eine Fata Morgana. Ich gab ihm meine Hand und sagte meinen Namen. Das hatten wir das letzte Mal verpasst. Das Café hieß „New York“ und war zur Jahrhundertwende ein bekannter Künstlertreff. Manche Dichter bekamen sogar Post, an XY Budapest-New York adressiert, erzählte er. Dann schwiegen wir und schauten uns lange an, und ich musste an einen Kumpel meines Vaters denken, der einmal zu mir gesagt hatte: „Auch in einen Strommast kann man sich verlieben, wenn man nur lange genug draufschaut.“
Schließlich fragte der Dichter, ob ich etwas trinken wolle, und versuchte eine ganze Weile Kontakt mit dem Kellner aufzunehmen, was ihm nicht gelang. Entweder war er zu leise oder winkte im falschen Moment. Er solle einen Stuhl werfen, damit man ihn wahrnehme, schlug ich vor. Den Vorschlag fand er sehr lustig, obwohl er wahrscheinlich noch nie in seinem Leben etwas geworfen hatte, außer das Handtuch, wenn ihm etwas zu kompliziert wurde. Dann rief ich quer durch den Raum, dass sich alle umdrehten. Wir bestellten uns Schnaps, um den Kontakt zur siebenbürgischen Hochzeit nicht ganz zu verlieren.
Nach dem vierten Glas sagte er, dass es ein Problem gäbe. Ich fragte nicht nach. Nach dem sechsten nahm er einen tiefen Atemzug und sagte: „Ich bin verheiratet“. Das war der fünfte Satz, den wir insgesamt gewechselt hatten.
Wir verließen schweigend das „New York“ und torkelten Richtung Straßenbahnhaltestelle, den Schnaps tief in den Beinen, und ich musste daran denken, dass es besser gewesen wäre, auf den ersten Impuls zu hören und sich nicht umzudrehen, aber dafür war es schon zu spät. Ich hatte mich umgedreht und jetzt fühlte ich mich wie Lots Weib, zur Salzsäule erstarrt in seiner Umarmung. Er war ein Kopf größer als ich, und drückte mich eng an sich, als wolle er mich gar nicht loslassen. Ich fragte mich, ob er weit weg wohnte, wie seine Wohnung aussah und seine Frau, ob wir sie bald treffen würden, und ob ich dann eins aufs Maul kriege, ob er Kinder hat. Das fragte ich dann auch laut. Kinder hatte er nicht.
An der Haltestelle verabschiedeten wir uns für immer. Er stieg in die Bahn, ich in ein Taxi. Die Frage, warum er mich nach Budapest bestellt hatte, nur um zu sagen dass er verheiratet ist, blieb mir im Hals stecken, und bereits im Taxi spürte ich, wie sie sich in eine amtliche Halsentzündung verwandelte und mir die Luft nahm. Als ich an meiner Unterkunft, bei einer Großtante meines Vaters ankam, hatte ich bereits hohes Fieber. Tante Pici, die alte Jungfer, die regelmäßig unsere siebenbürgische Sippe bei sich aufnahm und ihren Kühlschrank regelmäßig leerfressen ließ, gab mir Wein mit Honig, und wir leerten gemeinsam mehrere Flaschen. Paar Tage später ließ das Fieber nach, und ich trampte wieder nach Hause.
Der Frühling war angebrochen und verwandelte unsere kleinstädtische Schlammwüste in ein grünes Paradies. Das war die beste Zeit, wir krochen aus dem Unikeller und siedelten unsere Residenz in einen schönen Biergarten um. An den Dichter dachte ich nicht mehr. Bis er zwei Monate später wieder erschien. Unerwartet und gut frisiert zwischen meinen stinkenden Kumpels, um eine Lesung zu halten.
Es geht weiter.
Die Sehnsucht im Augenblick der Nichterfüllung hat dir direkt eine Infektion beschert? Einen Kloß inn Hals zu behalten kann manchmal wirklich schief gehen. Ich freue mich auf die Fortsetzung …
Wow! Da wär man am liebsten dabei gewesen, ob als Dichter oder Studentin, bloß besser nicht verheiratet.
Mehr davon.
Irgendwas fehlt… Ah! Ein Gedicht von dem jungen Mann, bitte.
das würde ich jetzt am liebsten den “like it!”-button klicken und den “ich freu mich auf die fortsetzung”-knopf ebenfalls
mangels solcher dinge diese zeilen. ich lese dich echt gern.
es gibt einen like it button -:) das heisst: empfehlen!
Hallo Sophia.
Auch Internet Explorer Anachronisten wie Du dürften jetzt unten links den ‘Empfehlen-Button’ sehen. Hab was rumgerückt.. Sag mal ob du es jetzt ‘liken’ kannst!
Ansonsten herzliche Grüße an alle Drachen u.ä. und bis zur nächsten Entlarvung unter der Gürtellinie.