“Guten Morgen, was hätten sie gerne auf ihren Brot?”
Eine kleine, runzelige Frau im lila Kittel steht vor mir und schaut mich mit unruhigem Blick an. Es ist früh morgens, meine Haare stehen in alle Richtungen, ich habe es schon wieder vergessen, wo ich bin.
“Käse? Butter?”
“Ähh… Ich weiß es nicht, ich mache es mir selber drauf.”
“Nein, das geht nicht, Sie haben Bettruhe.” – sagt sie entschieden. Im ersten Moment verstehe in den Zusammenhang nicht.
“Aber mein Brot kann ich deshalb trotzdem beschmieren.”
“Nein, es geht nicht, wir haben kein Tablettsystem und Sie haben Bettruhe…also was wollen Sie auf ihrem Brot? ”
Sie klingt ungeduldig, wie jemand, die noch sehr viel zu tun hat. Ich versuche mit aller Kraft, die Situation zu begreifen.
“…Haben Sie Kaffee?”
“Ja, kann ich bringen…also, was möchten Sie Käse, Wurst?”
“Gestern Abend habe ich alles auf einem Tablett bekommen und…”
„Ja, aber jetzt geht es nicht, Sie haben Bettruhe.“
Ich weiß immer noch nicht worum es geht. Schließlich klärt sie mich auf:
„Das Büffet steht am Ende des Flures, da muss ich Ihnen die Brote so belegen.“
Jetzt dämmert es mir langsam. Bettruhe heißt hier, dass ich keine dreißig Schritte im langsamen Tempo bis zum Büffet laufen darf um mir selber etwas auszusuchen.
Gestern früh habe ich zehn Minuten lang geblutet und bin schwanger. Eine „dramatische Situation.“, wie ich es alle zehn Minuten zu hören bekomme. Jetzt blute ich nicht mehr und auch dem Baby geht es gut. Heute ist alles besser.
“…Dann bringen Sie mir Käse und Marmelade. Und einen Kaffee, bitte.”
Als sie endlich die nötige Information gekriegt hat, rast sie aus dem Zimmer. Ich bekomme einen Teller mit Scheibenkäse und Supermarktwurst, der Kaffee ähnelt einem lauwarmen Fußwasser aus der Pädiatrie. Zum Automaten darf ich nicht hinlaufen, ich habe ja Bettruhe und einen verkürzten Gebärmutterhals. Den hatte ich auch schon bei meinem ersten Kind und bin trotzdem überall hingelaufen, aber das zählt nicht. Ich habe ja gestern geblutet.
Noch während ich mein Brötchen esse, rast die nächste Schwester ins Zimmer: „Ich soll Sie zur Oberärztin mitnehmen, sie untersucht Sie nochmal…mit Bett“ – sagt sie zu ihrer Kollegin. Ich merke, dass ich dringend aufs Klo muss, und will aufstehen.
„Nein!“ – schreit die Schwester und hält mich fest.
„Soll ich ins Bett pullern oder darf ich aufs Klo?“
„Ach so, ich dachte Sie wollen aufstehen“ – sagt sie etwas irritiert.
„Ja, will ich auch, um aufs Klo zu gehen.“ Die Schwestern stehen herum, wie ein Computerprogramm, das sich kurzfristig aufgehängt hat. Ich sperre mich in die Toilette ein und versuche meine rot gefärbte Haarwucht zu bändigen. Sonderlich frisch sehe ich nicht aus. Irgendwie erinnere ich mich selbst immer öfter an meine armenische Oma, und das hat einen unangenehmen Beigeschmack. Ein Sympathieträger sieht so nicht aus, rabiat und streng mit schlecht gefärbten Haaren, und auch nicht mehr die Jüngste. In Frankreich wäre ich jetzt auch dann eine „Madame“, wenn das „Mademoiselle“ nicht gerade abgeschafft wäre. Eine Risikoschwangere von 39 Jahren, mit mehreren Abtreibungen hinter sich, die auch noch Attitüden hat und die Cortisonspritze ablehnt….Ich sehe mich mit den Augen des Personals und verspreche mir keine glänzende Zukunft in diesem Krankenhaus.
Als ich wieder aus dem Bad komme, ist die Errormeldung bereits aufgehoben, das Programm läuft weiter, und freundlich lächelnde Schwestern schieben das riesige Bett in den Flur, mit mir oben drauf. Die junge Assitenzärztin Namens Anna, die mir gestern „Schulmedizin pur“ versprochen hat, kommt mir lächelnd entgegen und zieht mich höchstpersönlich in den Ultraschallraum.
Die Oberärztin erscheint auch, rötliche Haare, Dauerwelle, offensichtlich hat sie ähnliche Schwierigkeiten, wie ich, ihre Mähne zu bändigen.
Ich werde gebeten mich „unten rum frei zu machen“ und „bequem“ im Gynäkologiestuhl platz zu nehmen. Die Situation hat mit Freiheit und Bequemlichkeit ungefähr so viel zu tun, denke ich, wie Posemuckel, wo ich jetzt wohne, mit den Champs Elysées, wo ich noch viel lieber wohnen würde. Die Oberärztin will die Untersuchung, die schon zwei Mal in zwei verschiedenen Krankenhäusern an einem einzigen Tag unternommen wurde, ein drittes Mal wiederholen um es „selber zu sehen“.
Während ich mit einem Ultraschallstab in der Vagina gefühlte halbe Stunde auf dem Stuhl herumliege und zuhöre, wie die Oberärztin der Assitenzärztin die Plazentalage erklärt (die müssen schließlich auch lernen, dass sehe ich ein), denke ich darüber nach, ob dieses ständige Rumgewühle da unten weniger Stress für meinen „verkürzten Gebärmutterhals“ bedeuten soll, als der ruhige Gang von 30 Metern bis zum nächsten Käsebrot.
Sie probieren am Ultraschall verschiedene Einstellungen aus, die Technikbegeisterung scheint in diesem Fach grenzenlos zu sein.
Nach der Untersuchung, die nichts Neues bringt, werde ich aufgefordert, mich „gemütlich hinzulegen“. Auf meinen Satz hin, dass ich auch gerne sitzen könne, werde ich auf die Dramatik meiner Situation hingewiesen. Also liegen. Die Oberärztin will mit mir über ein bestimmtes Thema reden, und das ist die Cortisonspritze. Diese Spritze, eine Routine bei Risiko auf Frühgeburt, scheint zum Dreh-und Angelpunkt meines Krankenhausaufenthaltes zu werden, seit ich dazu Nein gesagt habe, geht es nur noch darum.
Es ist Teil des Programms, es wird bei Risiko auf Frühgeburt immer angewendet und gehört zum normalen Ablauf. Das haben mir die Assistenzärztin und der Kinderarzt auch schon sehr ausführlich beschrieben, mit plastischen Details von langfristigen Behinderungen, Schlaganfall und Kindstod im gegengesetzten Fall.
„Wenn das Baby jetzt kommt, dann könnte es sein, dass es nicht atmen kann. Ihr Kind ist noch nicht lebensfähig.“
„Es kommt aber noch nicht.“ –erwidere ich stur, von einer inneren Überzeugung getrieben, die ich nicht erklären kann.
„Das können Sie nicht wissen.“
„Sie aber auch nicht.“
„…Sie müssen bedenken, dass Ihr Kind dann unter Umständen nach der Geburt die ganzen Medikamente bekommen und beatmet werden muss und das wird dann richtig Stress für sie, ein richtiges Trauma…“ Das Wort „Trauma“ betont sie besonders stark und guckt mich dabei an, als würde auf meiner Stirn eine Statistikkurve mit der Überlebensquote von Frühchen hängen.
„Es geht hier nicht um Sie” – sagt sie und das war mir bereits klar. „Ich bin jetzt die Anwältin ihres Kindes.“
„Ich glaube viel mehr, dass Sie die Anwältin Ihres Weltbildes sind.“
„…Sie hatten auch schon fünf ….“
„Abtreibungen“ – helfe ich nach.
„…Und wann war das letzte?“
“1997“ – antworte ich.
“…Ich will ja nur das Beste für Ihr Kind und es ist einfach so, wenn es jetzt zur Welt käme…“- Bevor sie nochmal das gleiche Horrorszenario schildern kann, falle ich ihr ins Wort.
„Ich habe verstanden worum es geht. Ich gehe nicht davon aus, dass es jetzt zur Welt kommt, vor allem, wenn ich liege.“
„ Wenn ihr Kind jetzt zur Welt kommt…“
„Es kommt nicht jetzt zur Welt. Ich weiss es.“
Sie schaut mich an, wie einen gefährlichen Irren.
„Ich glaube, Sie verstehen die Dramatik ihrer Situation nicht…“
“Ich sehe es nicht so dramatisch.”
“…Ich muss mich einfach auch rechtlich absichern, dass…”
„Geben sie es mir einfach schriftlich.“
„Sie hatten fünf Eingriffe, und daher kommt es dass die Plazenta so gewachsen ist, dass das jetzt ein Risiko bedeutet und jetzt geht es darum alles zu tun, dass Ihr Kind möglichst sicher zur Welt kommt.“
„Sie wollen mir jetzt sagen, dass ich selber schuld bin an der Situation.“
„Nein, aber durch die Eingriffe kommen da Veränderungen….“
„Ich habe schon ein Kind zur Welt gebracht, da war die Plazenta völlig in Ordnung.“
„Da hatten Sie Glück.“
„Also mit Glück oder Pech hat das auch zu tun.“
„Das schon, aber das Risiko…“
„Es gibt etliche Frauen mit dem gleichen Befund, die vorher keine Abtreibung hatten.“
„Sie können aber auch im Internet nachlesen, dass statistisch gesehen das Risiko erhöht ist…“
„Wissen Sie was Sie machen? Sie machen mir Schuldgefühle und jagen mir Angst ein, damit ich alles so mache, wie sie es wollen. Sie sagen, Sie wollen mich nur informieren, aber eigentlich setzen Sie mich mit allen Mitteln unter Druck und versuchen mich psychisch zu erpressen.“
Einen Moment ist sie perplex.
„Ja, ich mache Druck, aber nur im Interesse ihres Kindes… wenn wir uns irgendwo in einer Praxis treffen würden und die Situation nicht so dramatisch wäre, aber ich muss noch mal betonen, es ist eine dramatische Situation, in der Sie sich befinden.“
„Und Sie glauben, durch mantramäßiges Wiederholen wird so etwas besser? Sie lassen mich keine 30 Meter bis zum Frühstücksbuffet laufen, um mich zu schonen, aber so ein Gespräch mit Ihnen ist der wesentlich größere Stress, dass kann ich garantieren.“
Sie versucht ein bisschen locker zu lassen, wie ein Pittbull, der gerne auf sein Herrchen hören und den Hals des Mädchens loslassen würde, nur ist es leider zu spät, die Kieferstarre ist schon eingetreten.
„Ich weiß, dass Sie nur das Beste für Ihr Kind wollen, aber…“
„Selbst das können Sie nicht wissen. Vielleicht will ich gar nicht das Beste für mein Kind.“
Die Ärztin schaut mich entgeistert an.
„ Und vielleicht bin ich böse.“
Sie springt auf, rennt zur Tür und bespricht sich mit den Schwestern, wie ich zurücktransportiert werde.
Ich sitze auf dem Bett, wie eine Riesenkröte die gerade aus dem Schnabel eines Storches gefallen ist, und wundere mich über meine Entschiedenheit.
Ich weiß nicht ob ich richtig liege oder ob ich verrückt und unverantwortlich bin, aber eins weiß ich: wenn man mich versucht durch Angst und Schuldgefühle zu etwas zu zwingen, muss ich einfach instinktiv Widerstand leisten. Wahrscheinlich habe ich doch zu lange in einer Diktatur gelebt.
Ah, du bist wunderbar! Ich wünschte, ich hätte dein Blog schon gelesen, als mich ein vollkommen idiotischer Arzt, einfach so dazu gebracht hat, mein erstes Kind mit vier Monaten abzustillen, weil das Kind Neurodermitis hatte. Man stelle sich das einmal vor, aber ich war blöd und es war mein erstes Kind und ich hatte nie in einer Diktatur gelebt, und Dein Blog gab es auch noch nicht.
Reka, Du lange nicht mehr Gesehene und trotzdem viel Gedachte, da treffen wir uns in einem Krankenhaus wieder! Einem staatlichen! In der Nähe von Pusemuckel. Meine Nerven. Meine liebe armenisch Rotgefärbte, Dein Baby hat ein Glück mit so einer Löwenmutter. Da kann es ganz entspannt weiterschlafen. Ich hoffe, es wird durch den schlechten Kaffee nicht allzu sehr irritiert und ich wünsche Dir von Herzen, dass Du bald wieder guten Milchkaffee trinken darfst im neuen Zuhause! Sei geherzt und geküßt, ich bete für Dich. Christine
es gibt auch männer die abgetrieben worden sein
ohne welt un blödzeitung
was du kannst
oder lass es.
Drága Réka,
ich bin in Gedanken viel bei Dir.
Wünsche dir viel Kraft
und Geduld mit den “Besserwissern”.
Sogar in so einer Situation bist du unglaublich witzig!
Und danke für deine verletzlichen, ehrlichen Worte, die auch mir Kraft geben.
Na Süße,
liebe Grüße aus “Posemuckel”. Die Kraniche sind emsig dabei sich auf den Feldern einzunisten, ganz wie Dein Mann und fleißige Helfer, die Kisten auspacken und Regale aufbauen, messen, abwägen, richten und feilen, nur damit die Damen sich alsbald Zuhause wohl fühlen können. Es wird ein tolles Nest, glaub mir!
Vielleicht träum einstweilen von dem schönen Nest, was Dein Zuhause sein wird, nur damit du über all den Horror mit Ärzten, kahlen Krankenhausdecken und verflixten Lebensentscheidungen nicht das Eigentliche vergisst.
Küsse.
Ich mache mich sicher völlig zur Außenseiterin und unsympathisch zugleich, wenn ich sage, dass ich mich von dieser Ärztin nicht hätte zum Trotzen bringen lassen und unter diesen Umständen die Behandlung auf jeden Fall gemacht hätte. Es gibt ärztliche Verordnungen, gegen die wehre ich mich und integriere immer meine selbst recherchierten Behandlungsalternativen mit ein, auf die der Arzt eingehen sollte. Wenn nicht, wechsel ich ihn einfach. Aber diese Behandlung hätte ich definitiv gemacht.
Ich wünsche dir und deinem Kind alles Gute, liebe Réka. Ich freue mich auf den Tag, an dem du hier schreibst, dass Mutter und Kind gesund und wohlauf einen neuen Lebensabschnitt beginnen.
❤
Liebe Sherry,
Jajaja, ich versteh das. Was mich hier bewegt, ist folgendes: man misst heutzutage der embryonalen Entwicklung eine so große Bedeutung bei, bis hin zur Musik die Frau regelmässig hören sollte, etc. und dann greift man auf massivste Art in die Entwicklung ein, in dem man durch Hormone einen Entwicklungschritt sieben Wochen vorzieht. Das fühlt sich für mich an, wie Doping, wie Leistungssport im Mutterleib oder wie frühchinesisch in der Kleinkindgruppe. So etwas würde ich nur machen, wenn sich das gar nicht vermeiden lässt, sprich, wenn weitere Beschwerden kommen, aber die Situation scheint sich beruhigt zu haben. Und, nicht zu vergessen, wenn sie wirklich früher rauskommen, werden sie so oder so mit Cortison vollgepumpt, und auch ohne diese Behandlung im Vorfeld können sie überleben oder auch nicht…Jedenfalls sagt da mein Instinkt, also das weibliche in mir :NEIN. Mein Kopf, das männliche, würde schnell JA sagen, weil er Angst hat. Ich finde aber in Sachen Kinder kriegen sollte immer die Frau (in mir) entscheiden.
Ja, das ist dein gutes Recht. Hör’ auf die Frau in dir. Vermutlich wirst du sogar Recht behahlten, ganz sicher sogar. Die Gewissheit, die in dir ist, lässt sich nicht rütteln. Ich hätte es vermutlich gemacht, weil ich weniger Vertrauen in meine innere Stimme habe immer dann, wenn ich für andere mitverantwortlich bin. Da versuche ich, auf Nummer Sicher zu gehen, die Angst be-herr-scht mich. Geht es nur um mich, ist meine innere Stimme sehr laut, klappt dann prima.
Frag’ doch deine Ärzte mal nach bioidentischem Progesteron. Das ist das, was “Frühgeburten” wirklich verhindert. Aber Ärzte wollen von bioidentischen Dingen nichts wissen, weil die Pharmakonzerne nichts davon wissen wollen, Dinge, die in der Natur vorkommen, kann man nämlich nicht patentieren. So ist das halt.
Du glaubst es vielleicht nicht, aber aufgrund von eher schlechten Ärzten neige ich manchmal dazu, mich für Medizin einzuschreiben, aber ich pack’ das nicht mehr, bin zu alt für den Scheiß, muss jetzt erstmal mit Psychologie fertig werden.
Angst ist ein Instinkt…
Liebe-liebe Réka,
Es gibt immer wieder Momente, wo ich daran denke, wie Schade es ist, dass wir nicht näher zueinander sind, physisch-geographisch gesehen. Es ist jetzt wieder soweit.
Wir sind beide in Osteuropa aufgewachsen/sozialisiert worden und leben jetzt/haben gelebt in Westeuropa. Da ich das deutsche Gesundheitswesen von innen kennengelernt habe (als Krankenschwester war ich sogar ein Teil von dem), konnte ich die Vorurteile und die Motivationen des „medizinischen Fachpersonals“ eine Zeit lang ausführlich beobachten.
Demnach habe ich irgendwann so beschlossen, dass ich meine eigene medizinische Herkunft und Vorgeschichte selber gestalte, da ich das Recht dazu habe. Besser gesagt habe ich das Recht zu schweigen. Demnach hatte ich niemals eine Abtreibung, auch keine psychischen Vorerkrankungen, und „sonst auch immer kerngesund“ gewesen. Besser für mich (werde in Ruhe gelassen), und besser für das Personal (wird vom eigentlichen Problem nicht abgelenkt), und so kann man auch verhindern, dass sich langweilende oder sonstwie frustrierte aber auf jeden Fall unprofessionelle Aerzte/Aerztinnen oder Krankenschwester mir das Leben schwer machen können. Als reine vorbeugende Massnahme, empfehle ich es dir ausdrücklich, genauso zu tun.
Viele Frauen haben oft spontane „Abgänge“, wie es so schön heisst, und medizinisch gesehen ergibt es kaum einen Unterschied, ob es – damals vor 100 Jahren – Abtreibung oder „Spontanabort“ gewesen ist. Es ist nicht unbedingt hilfreich es überhaupt zu thematisieren, denn die Frauenärzte brauchen bei drohenden Aborten nicht unbedingt eine Ursache – wie du auch gesagt hast. Ja, die Wunden im inneren der Gebärmutter sind vielleicht da, manchmal machen sie Probleme, manchmal nicht.
Als ich mit meinem Sohn schwanger war, habe ich mich masslos überarbeitet (das war der Grund meiner Meinung nach) und dann musste ich auch dieses Medikament nehmen. (Ich bin sonst ein Medikamentenhasser, habe sogar nach doppelter Weisheitszahnentfernung weder Penicillin noch Schmerzmittel genommen.) Das Zeug ist recht unangenehm, die Hände und alle Muskeln ermüden schnell und zittern ständig, frau schwitzt und geriet ausser Atem und überall sind Ödeme. Aber richtig gefährlich erschien es mir trotzdem nicht, und vor allem es hat was gebracht. 2 Monate lang musste ich zuhause diese Pillen nehmen, aber in dieser Zeit gedieh mein Baby in aller Ruhe gut, und konnte dann natürlich zur Welt kommen.
Ich finde, du solltest genügend Zeit haben, es ohne Druck nochmal zu überdenken. Spür in dich hinein, was Euch beiden besser wäre. Vielleicht hast du Recht gehabt. Mache aber nicht den Fehler, aus Trotz einfach nein zu sagen und dabei bleiben. Denn in einem stimme ich der unsympathischen und unprofessionellen Aerztin zu: es gibt wenig schlimmeres, als ein problembeladenes Frühgeborene zu haben (es gibt nur solche), um das du immer Angst haben musst, es in fremden Händen abgeben musst, damit es ohne grössere Schäden überlebt. Und vor Allem, du siehst, riechst und spürst am Kind, dass es sich auf dieser Welt in jedem Augenblick schlecht fühlt und lieber noch drinnen wäre, kann aber nicht mehr zurück. Und du kannst ihm dabei auch nicht helfen, lediglich nur Schadenbegrenzung betreiben. Ein schlechter Start für dich und für das Baby, und für euch beide, der auch noch nach Monaten nach dem errechneten Geburtstermin überdauert. Besser wäre es zu vorbeugen, schone dich viel und lasse dir Zeit zu überdenken. Wie du dich auch entscheidest, ich bin im Gendanken bei Dir.
Meine Liebe,
ich hatte es schon gehört von Euren Nachbarn aus Posemuckel, dass Du Dich liegend in der Obhut der Weißkittel aufhälst.
Du kannst uns auch gerne in nicht ganz so dramatischen, verkürzten Lagen unterhalten. Aber mein Lachen muss bis nach Posemuckel geschallt haben.
Nächste Woche bin ich erst an der Ostsee und dann Saskia in München besuchen, aber danach …. eile ich zum Büffet und bringe Dir auf einem Teller Käse und Wurst.
Sei lieb umarmt
Beatrice
Ja…ich könnte auch darüber schreiben, dass wir am
dem Tag an dem ich angefangen habe zu bluten eine Lieferung von 72 Eiern bekommen haben. Und dass ich am gleichen morgen meine Zähne mit Prothesenkleber statt mit Zahnpasta geputzt habe und meinen Mund eine halbe Stunde lang nicht mehr aufmachen konnte. Was auch immer das alles heisst…
Um Gottes Willen, wer hat dich in ein staatliches Krankenhaus gebracht, ohne die da vorher drauf vorzubereiten?
Mal ehrlich, Réka, du bist sehr wahrscheinlich die stärkste Frau, die ich kenne und das ist ein weiterer Beweis. Und ich glaube, wenn einer weiß, ob das Kind kommt oder nicht, in den Brunnen fällt oder zu heiß gebadet ist – dann bist du das und niemand sonst! Und nicht zuletzt bist auch diejenige, die – egal was ist – damit leben wird, und niemand sonst. Ich umarme dich ganz fest (im Liegen!).
Noch gar nicht geboren, und schon jetzt hat die Kleine Geschichten, die sie ihren Kindern weiter erzählen wird
Viel Glück mit den Weißkitteln und überhaupt.
Übrigens, ich hatte auch mal so einen “vieleicht bin ich böse”-Dialog mit einem Arzt. Da ging es um ein Gesundheitsattest für den Arbeitsgeber, um den Job zu bekommen.
Arzt: “Tja, alles gut, Sie sind rundum gesund, psychisch stabil…”
Ich: “Woher wollen Sie das wissen? Vielleicht bin ich verrückt.”
Er bekam die Kurve aber besser als die Ärztin hier. Er sah mir tief und prüfend in die Augen.
“Sind Sie verrückt?”
“Nein.”
Das war’s, aber in dem einen Augenblick hatte ich gespürt, dass er ein guter Arzt war
Und noch was:
Danke für den mutigen, verletzlichen, hilfreichen, ehrlichen Text.
Danke Imke!!
Liebe Réka,
seit wir sprachen, warst Du in meinem Sinn,
ich wünschte, auf Deinen nächsten Eintrag hier zu schreiben:
Wie gut dass es Dich gibt Réka. Gleich, was Du schreibst.
Wie gut dass es Dich gibt.
Ich halte Deine Hand,
Imke
ich hätte wohl ähnlich reagiert. du bist ja ganz schön mutig! für dein kind und dich wünsche ich das allerbeste. und dass deine intuition stimmt. ja, das hoffe ich sehr.
verrückt ist sie schon irgendwie, die lady dort, wie die druck macht. die muss doch einfach auch mal akzeptieren, was du willst.
ich hoffe sehr, dass das ganze sich wieder beruhigt.
Es ist auf jeden Fall eine sehr interessannte Begegnung mit Sphären, von denen ich mich lange geschafft habe fern zu halten.