Mein Mann holt seinen Laptop. Das ist nichts ungewöhnliches, schließlich ist er schon seit zwei Minuten wach, bloß keine Zeit verschwenden mit analogem durchs Fenster gucken – denke ich und trinke einen großen Schluck aus meinem Milchkaffee. Es schmeckt köstlich, die Milch ist perfekt geschäumt und sieht herrlich aus in dem dicken Ikea-Milchglas. Ein schöner gemütlicher Sonntag morgen. Das Computergeklicke kann mich da auch nicht stören.
„Ich schau mal nach, ob Kaffee für das Embryo schädlich ist“ – sagt er auf einmal. Ich horche auf.
„Hää?…Ich habe dir doch schon gesagt, dass es nicht schädlich ist“.
„Das kommt mir komisch vor, das ausgerechnet Kaffee nicht schädlich sein soll“ – sagt er und starrt auf den Monitor.
„Hier“- er zeigt siegesbewusst auf eine Textstelle- „Kaffee macht das Embryo nervös!“
„Nervös machst mich du“ – sage ich – „Und das macht das Embryo wiederum noch viel nervöser als dieser Pupskaffee.“
Er zieht eine ernste Miene, wie jemand, dem es um Prinzipien geht.
„Wenn man beim Stillen keinen Kaffee trinken darf, warum dann…“
„Kümmere du dich um deine Sachen ok? Und vertraue mir, dass ich weiß, was eine Schwangere darf oder nicht darf… Ich habe mich erkundigt“, sage ich, trinke noch einen Schluck und irgendwie kommt mir der Kaffee jetzt fad vor.
„Ich traue aber Lotte nicht“ – erwidert er trotzig.
„Du sollst nicht Lotte trauen, du sollst MIR trauen.“
Stille. Klimpern an der Tastatur.
„Lotte ist eine verkorkste Schulmedizinerin, und mich wundert es dass du, die du sonst immer nur mit Homöopathen unterwegs bist, jetzt keinen anderen fragst, deine ganzen Heilpraktikerfreunde oder so…du hast nämlich Angst, dass sie was anderes sagen!“
„Ich habe sie gefragt, wenn du es wissen willst! Ich habe Helene gefragt und Sabine und den Doktor Reuter auch!“
„Den hast du nicht gefragt.“
„Doch!“
„Warum sagst du es mir dann nicht, dass du auch andere gefragt hast?“
„Ich bin Dir keine Erklärungen schuldig!“ – zische ich und entschließe, nix weiter zu sagen, sondern beleidigt zu sein.
Der Kaffee ist mittlerweile kalt geworden, fast schon leer, und ich bekomme Lust, mir noch zwei zu machen, und zwar sofort.
„Meiner Meinung nach fragst du nur nicht, weil dir dein Spaß wichtiger ist, als die Gesundheit des….“
Ich spüre die dunkelgelbe rumänische Galle durch meine Blutadern hochsteigen, direkt in den Kopf hinein. Meine Nase verdoppelt sich, die Nasenflügel werden weit, wie von einem Nilpferd, ich atme laut.
„Hier!“– sagt er siegreich – „Koffein geht durch die Plazenta durch! Hier steht es!“
Ich springe aus dem Bett und balle meine Fäuste. Mein Mann schaut mich erschrocken an.
„Es geht ja auch um MEIN Kind, und ich muss auch meine Meinung sagen dürfen und… finde es unverantwortlich, wenn du nur wegen deinem Genuss…“
„Und ich finde, dass du ein kleinliches Arschloch bist, wenn du mir nicht mal einen Milchkaffe am Morgen gönnst, nachdem ich anderthalb Jahre lang auf alles verzichten muss, und das tue ich auch, nicht ein einziges Glas Wein habe ich getrunken oder sowas, und das sind insgesamt drei verfickte Jahre aus meinem Leben, und du liest im Wikipedia nach ob ich morgens einen Milchkaffee trinken darf????“
„…..Ja, ich lese nach, weil ich es wichtig finde, dass es dem Kind…“
„DAS SCHEISSKIND!!! UND ICH ??? UND ICH??? Verdammte Scheiße? Bin ich eine Kuh oder was?
„Reg dich nicht so auf, du kannst überhaupt keine Kritik hören und…“
Ich stampfe auf den Boden, ich könnte siebzehn Bomben legen, damit mein Mann in kleinen Stücken an der Decke klebt und das bei vollem Bewusstsein, es ist einer dieser Momente, wo ich aufhöre zu reden und anfange Gegenstände an Köpfe zu schmeißen, doch unser kleiner Sohn erscheint in der Tür. Ich halte kurz inne, drehe mich um, renne in die Küche mit meinem Kaffeeglas in der Hand und schreie: „Ich will meinen Scheiß Kaffee einfach nur in Ruhe austrinken! Ist das zu viel verlangt??
„Man darf nicht Scheißkaffee sagen“ – ruft mir mein Sohn hinterher. – „Kaffee ist lecker.“
„Ja, stimmt“ – denke ich, stelle zwei Tassen unter die Espressomaschine und drücke auf den Knopf.
Ich glaube, das war die Art deines Mannes, klar zu machen, dass er an der Schwangerschaft auch irgendwie beteiligt ist. Er fühlt sich bestimmt als Außenseiter manchmal. Außerdem will scheint er manchmal auch gebraucht werden zu wollen. Schwierig, weil er hat sich eine sehr starke Frau ausgesucht. :0)
schlimmstenfalls bringst du ein tässchen kaffee hag zur welt.
Tut auch weniger weh.
Erster Impuls: Ich komme nächste Woche vorbei mit ‘ner Flasche Palinka und Kippen, dann zündeln wir gemeinsam selbst gebastelte Bomben und lachen uns schlapp über nervöse Kinder. Und wenn uns langweilig werden sollte, diskutieren wir noch darüber, was Kinder nervöser macht, ein Milchkaffee während der Schwangerschaft oder moralisierende Eltern.
Genieße Dich mal schön!
Na dann aber los! Auf die Aktion habe ich grooooße Lust! -:)
Ich habe Réka das letzte Mal im Sommer in Ungarn gesehen, wo sie mir gesagt hat, dass sie und Jakob ein zweites Kind wollen – ich habe mich sehr gefreut. Da sah Réka aus wie das blühende Leben. Ich nehme an, jetzt sieht sie wohl so aus, wie eine blühende Schwangere. Soll sie bekommen, was sie braucht. Einen Milchkaffe am Morgen mit oder ohne Schaum und mit oder ohne Streit… Spass bei Seite. Ich gehe davon aus, dass die vergänglichen Glücksmomente eines Milchkaffees noch keinem Kind geschadet haben, aber auch ein bisschen morgendlicher Streit nicht – wir Menschen halten ganz schön was aus, schon im Mutterleib. Und ich bin mir auch sicher, dass Jakob nur helfen wollte, er macht sich darüber Gedanken, ob es dem Kind gut geht.
Ich bin zwar schon seit ein paar Jährchen raus aus dem Gesundheitswesen, aber ich glaube weiterhin an Ganzheitlichkeit – das wichtigste Stichwort einer Krankenpflegeschülerin. Ich denke, jeder soll sich wohl in seiner Haut fühlen und sich erlauben, was er zum ganzheitlichen Glück braucht. Hochschwangere bringen enorme Leistung, mit jedem Atemzug, und bringen grosse Opfer, selbst im Schlaf, was ihnen aber auch nicht gegönnt wird. Wenn man vom Kugelbauch weder richtig essen, noch richtig atmen, noch schlafen oder stehen oder liegen kann – dann sollten einem wenigstens die verbleibenden wenigen Einheiten des Glücks gegönnt werden. Wenn es wirklich schadet, wird es nämlich auch nicht mehr gewünscht und gegessen – so hat es die Natur in uns hineinprogrammiert, siehe Gelüste.
Wer schon ein Kind mit einer angeborenen schweren Krankheit oder einer Kromosomenstörung bekommen hat – wie ich zum Beispiel – und sich danach ihr Leben tausendmal zurückgespult hat, um nachzuforschen, wer was falsch gemacht hat, wie hätte man es verhindern können und was für einen Sinn es macht, so ein Kind zu haben – derjenige weiss, dass manchmal keine Antworten existieren. Wie oft habe ich gesagt: „Ich habe alles perfekt gemacht, gesund gelebt, das Beste getan, Vater Arzt, Mutter Krankenschwester, und meine Vorfahren wurden alle 96 Jahre alt, wieso dann das???“
Mutter Natur spielt Ihre kleinen verrückten Spielchen, und Sie, ja Sie, wurden als zehnmillionster Kunde ausgewählt, so unwahrscheinlich es auch klingt – und diesmal kein Peugeot gewonnen, sondern ein Kind mit dem XYZ-Syndrom. Sie können nichts dafür, es ist einfach Ihr Glück/Pech, je nachdem, wie Sie es sehen. Und die Götter sind so mächtig und so fern und unerreichbar oben im Himmel und ich kleine, winzige Mensch-Mütterchen – ich kann meinen Milchkaffee trinken oder auch nicht – es beeinflusst gar nichts, wir haben nichts unter Kontrolle, nichts…
… Nichts, ausser unserer Ehe, die Beziehung, aus der unsere Kinder kommen. Ich habe es zum Beispiel vermasselt, nehmt mein Beispiel. Streitet Euch nicht, nimmt die Bedürfnisse des Anderen wahr und liebt Euch mit Gelassenheit – und nimmt Abschied vom Perfektionismus. Wie es kommt, so kommt es, Hauptsache Ihr beide habt Spass dabei.
Und du meine Liebe solltest längst schreiben, das denke ich jedes Mal, weil mich dein Stil und das, was du zu sagen hast sehr berührt. Und weil deine Familie voller halb verwirklichter Sprachtalenten ist.
genau! so was in der art wollte ich auch eben kommentieren.
und dir, hausdrache, wünsch ich, dass du deine gelassenheit behältst/wiedererlangst und deinen milchkaffee und deinen mann geniessen kannst.
aufs leben!
Was denn, es besteht das Risiko, dass Réka ein nervöses Kind bekommt. Ehrlich? Obwohl die Mutter so ruhig ist? Oh Ehe-Administrator, nicht nach Kaffee googeln, da gibt es wichtigere Faktoren.