Karády Katalin (Der Dichter 4)

Ich stehe vor einer Telefonzelle, es ist kalt und es regnet. Meine Freundin Kinga hält den Hörer in der Hand. Sie ist einen Kopf größer als ich, ihren Locken ragen in alle Richtungen, ihre riesige Nase thront wie eine Furcht einflößende Oberschullehrerin über ihrem Gesicht. Ich liebe Frauen mit großen Nasen, und Kinga ist meine beste Freundin. Mein Blick fällt auf ihre schweren Stiefel, die so gar nicht zu ihren weiblichen Kurven passen, ihre „Bürgerstiefel“, die sie auf dem Flohmarkt gekauft hat um damit ihren herumhurenden Freund zu beeindrucken. Sie liest die Nummer von einem dreckigen Zettel ab, den ich seit Monaten in meiner Tasche trage und wählt. Es ist kurz vor Sonnenaufgang, aus dem Club hinter uns strömen besoffene Menschen.

„Hallo“ – sagt Kinga in die Sprechmuschel, mit gestellt tiefer Stimme – „Katalin Karády hier, ich möchte den Dichter sprechen.“ Noch bevor ich mir vorstellen kann, wie es ist, als nichtsahnende Ehefrau morgens um fünf von einer längst verstorbenen Schlagersängerin geweckt zu werden, ist schon der Dichter dran.

„Wir sind vor dem Club „Das verbotene A“ und du kommst jetzt her“ – sagt Kinga mit einer Stimme, die alle Ehefrauen dieser Welt im Nebel der ultimativen Bedeutungslosigkeit verschwinden lässt, und der Dichter willigt schnell und leise ein. Kinga legt auf.
„Er kommt“ – die Regentropfen glänzen in ihrem dichten Haar, ihr Lachen ist laut und heiß wie das Fegefeuer. Sie läuft zurück in den Club, ich setze mich auf die nasse Bank, und zünde mir eine Zigarette an. Um mich herum die Budapester Hauswände, grau und wunderschön, ganz ohne Putz, alle Kriege sichtbar, jedes einzelne Kugelloch, der zweite Weltkrieg, neunzehnhundertsechundfünfzig, offene, unverheilte Wunden egal wohin der Blick fällt. Auf einmal sind die ganzen Geschichten da, mit denen ich aufgewachsen bin, der Luftschutzkeller, die Russen, meine Uroma in ein schwarzes Tuch gewickelt auf einem Kohlehaufen, damit sie unsichtbar wird, die spiritistischen Séancen im Bombenhagel, die Pferdebuletten, mein Vater als kleines blondes Kind im Schoß seiner überforderten Mutter, die ihn schüttelt und schreit: „versprich mir dass du kein Mörder wirst!“ und Katalin Karády, die legendäre Chansonsängerin, mit dem Lied :
„Umsonst flüchtest du, vergeblich rennst du weg, dein Schicksal wird Dich einholen.“ Das Lied begleitete die Häuserkämpfe in Budapest, während den letzten Kriegstagen, die Russen ließen ihn spielen aus der bereits gefallenen Burg

„Ich bin in einen verheirateten Mann verliebt“ – sagte ich meiner wunderschönen Großmutter mit tausend Furchen im Gesicht, sie verbrachte fünfzig glückliche Ehejahre mit ihrem Mann, meinem Großvater, fand ihn am Ende des Krieges durch einen Traum wieder, er lag verletzt in einem Budapester Luftschutzkeller, sie rettete sein Leben, weil sie ihn mit einer Schubkarre nach Hause zog, zwanzig Kilometer zu Fuß, durch die Trümmerhaufen über die halb zugefrorene Donau ohne Brücke, zwischen marodierenden Russen und potentiellen Vergewaltigern brachte sie ihren Mann in Sicherheit. Mein Großvater, früher Stammgast im Bordell, Langzeitstudent , Pokerspieler und Pianist im Casino verwandelte sich in den besten Ehemann und Vater von drei Kindern, den ich je erlebt habe, in einen erfolgreichen Richter und Präsidenten des Gerichtshofes für diese Frau, „die schönste und tollste, die mir je begegnet ist.“ Er entging der Kriegsgefangenschaft, weil er den russischen Offizieren eine ganze Nacht lang die Chansons von Katalin Karády vorspielte, und sie ließen ihn ziehen. Ich fragte mich oft, was das Geheimnis ihrer Ehe war, ich weiß es nicht so genau, jedenfalls hörte er nie auf, Klavier zu spielen, und pokerte mit seinen Freunden und Kindern und Enkelkindern.
„Lasst uns durch die Müllerstraße laufen, damit ich das Bordell wenigstens von außen sehen kann“ – pflegte er zu seinen Kindern zu sagen, im Kommunismus, als es schon lange keinen Puff mehr gab und kein Casino, und Karády in der Namenlosigkeit der amerikanischen Emigration verschwunden war.
„Ich bin in einen verheirateten Mann verliebt“ – sagte ich, und meine Oma lachte vergnügt– „Was macht das schon, verheiratet zu sein? Das heißt gar nichts.“
Ich war schockiert, ich wollte von ihr beschimpft werden, sie sollte mich davon abgehalten, diesem Mann hinterher zu laufen, aber sie sagte „Ehe heißt nix, nur die Liebe zählt “ und ich erinnerte mich, dass sie meinen Opa im Casino kennengelernt hatte , sie eine berühmte Schönheit, groß und schlank, er klein und dick mit einer krummen Nase, einer, der während des Krieges dauernd seinen Pimmel vorzeigen musste, um nicht auf den Judentransport zu kommen, dieser Mann forderte meine Oma zum Tanzen auf, und kam ihr dabei gerade bis zur Brusthöhe, torkelte, lallte und trat ihr auf die Füße. Als meine Oma sich nach dem Grund erkundigte, warum sich ein intelligenter junger Mann so betrinkt, antwortete er mit weinerlicher Stimme: „Ich habe einen großen Kummer… ich habe die Frau meines besten Freundes gefickt.“

Er hat dabei tatsächlich das Wort „gefickt“ benutzt, keine Selbstverständlichkeit 1930 auf einem Ball, aber meine Oma erwiderte ohne mit der Wimper zu zucken: „Da sehe ich keinen Grund sich zu quälen, so etwas kommt in den besten Familien vor.“ Von dieser Reaktion wurde mein Opa sofort hellwach und wusste, dass ihm soeben die Frau seines Lebens begegnet war.

Der Dichter steht vor mir und wir fallen uns in die Arme. Wir hatten uns seit Ewigkeiten nicht gesehen, im Sommer waren wir kurz davor, zusammen nach Paris zu fahren, als seine Frau in die Küche kam, leichenblass, mit seiner Jacke in der Hand und fragte: „Wann genau willst du nach Paris?“ „Ende August“ antwortete er möglichst ruhig und rührte weiter an einem Topf voller Pfirsichknödel, während seine Frau meinen Brief mit der Pariser Adresse stumm aus seiner Jackentasche zog und dann in Ohnmacht fiel.

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1.215 Antworten auf Karády Katalin (Der Dichter 4)

  1. Sofasophia sagt:

    deine oma ist ja so was von genial! und dein erzählstil ebenso. spannender text und ich freu mich auch diesmal auf die fortsetzung :-)

  2. balázs zsóka sagt:

    Der Dichter ist nicht Seres Rezsö und Karády ist einfach verführerisch mit ihrer romantisch-melancholischen Stimme, Liedertexte und „Hamvadó cigarettavég“, ein Idol (war), ein Symbol der bedingungslose Liebe, aber kein Opfer! Man kann von ihr viel lernen! ( auch heute noch)
    Aber auch von Opas und Omas!
    Was ist Moral in der Liebe? Nur Bitterkeit! Unerfülltes Hunger, Durst, Lust! Aber kein Leben!
    Leben ist Liebe.
    Liebe ist Leben.

    Hiába na! Élni tudni kell!
    Ezekböl a költös történetekböl még könyv vagy film is lehet. Sok sikert hozzá!