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	<title>hausdrachen . házisárkány &#187; dichter</title>
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	<description>Hysterische Frauen an die Macht! . Hatalmat a hisztérikus nőknek!</description>
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		<title>Baba Jaga (Der Dichter 3)</title>
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		<pubDate>Thu, 09 Feb 2012 10:20:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Réka Kincses</dc:creator>
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<p>Es war ein Vormittag, als das Telefon klingelte. Tante Edith gab mir den Hörer. Nach kurzem Schweigen sagte der Dichter, dass er der Dichter sei, und zwar hier in der Nähe, in der Wohnung  eines Freundes. Mehr sagte er nicht, aber dieses Schweigen, das wusste ich mittlerweile, konnte mehrere Gedichtbände schwer sein. Unter dem Motto: „Ich schenke Dir einen Elefanten, trage ihn in deinem Herzen. Meins ist auch schwer.“  Ich zog mein schwarz- grau gestreiftes Kostüm an, ein Geschenk von Tante Gizi, Mutters blondierter Freundin aus Deutschland. Dieses Kostüm &#8211; langer Rock und Sakko mit ordentlichen Schulterpolstern und Fellkragen – fanden alle ganz heiß und es gab keine Freundin, die es sich nicht mindestens schon einmal ausgeliehen hätte. Zum Kostüm trug ich einen senfgelben Trenchcoat und spitze schwarze Lederschuhe, wie die Leningrad Cowboys.  Das Outfit wurde von einer quietschgrünen Strumpfhose und einem einzigen, lilafarbenen Hängeohrring im rechten Ohr abgerundet.</p>
<p>Meine Haare waren zwei Zentimeter lang, was mir auf offener Straße Pfiffe, Klatschen, Buhrufe und den Spruch „guck mal Schinid O`Connor“einbrachte. Das einzige Mädchen mit rasiertem Kopf in Rumänen war ich, das zweite sprang in einem Musikvideo herum und hieß wie oben genannt. Selbst meine Mutter jagte mich zehn Minuten lang um den Küchentisch herum um mich zu ohrfeigen, als ich mit der Frisur nach Hause kam, obwohl sie sich selbst die Haare ganz komisch nach oben toupierte und täglich mit einer halben Flasche Haarlack so fest verklebte, dass es jeden Atomkrieg überlebt hätte. Schließlich endete  ihr Kriegszug gegen meine Haare mit dem bedrohlichen Satz: „Wer von außen so aussieht, wie muss es wohl bei so jemandem im Inneren aussehen?!“</p>
<p>Ich lief mit schnellen Schritten die Elisabethenstraße hinab und klingelte an der Haustür wo die Dichter ihr Lager aufgeschlagen hatten. Es war ein altes Häuschen, zwei kleine Zimmer liebevoll eingerichtet, mit vielen Teppichen und Nippes. Alte Leute mussten hier verstorben sein, und die Nachkommen hatten das Haus an Literaten aus Budapest vermietet. Sie kamen regelmäßig, um sich für ein paar Tage in Slivovic zu tunken und ins Jenseits zu katapultieren, von wilden Mädchen ihre Gesichter zerkratzen zu lassen und anschließend ihre Ehen zu ruinieren. Paar Wochen später veröffentlichten sie dann in einer der gängigen Literaturzeitschriften ein fulminantes Werk über Suff und Leidenschaft und Poesie nach Villon Art, und das am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Selbst der Wiener Professor für Postmoderne Literatur ist mir mal in einem Kuhstall begegnet, er kroch auf allen Vieren auf mich zu, bellte und trug Stroh in seinen graumelierten Haaren. Unsere kleine Klausenburger Partygruppe fand sich regelmäßig in der zeitgenössischen Literatur aus Budapest wieder, als Muse sozusagen.</p>
<p>„Deine Haare werden erwachsen“ – schrieb der Dichter zum Beispiel über mich, in einem Gedicht  das ich unerwartet im Playboy (!) Magazin entdeckte. Wir waren für sie eine in Schnaps getauchte permanente Inspirationsquelle, und sie für uns diejenigen, die diesen Schnaps spendierten.  Wir hatten oft gute Laune, aber Geld, das hatten wir nie.</p>
<p>Der Freund von dem Dichter öffnete mir die Tür und musterte mich so, wie der Bauer seine neue Kuh, der jemand grüne Strümpfe angezogen hat. Er trug eine strenge Prinz-Eisenherz Frisur, das obligate weiße Hemd und stellte dumme Fragen, während der Dichter schwieg. Als er uns endlich alleine ließ, schwiegen wir einfach weiter.</p>
<p>Der Dichter blieb zwei Tage an denen wir uns entweder schweigend anstarrten oder stundenlang knutschten. Die wilde Leidenschaft konnte kein Loch in seine weiße Fassade bohren.  Dann reiste er kommentarlos ab und ich ging nach Hause zu Tante Edith.</p>
<p>Das nächste Mal, als er in der Stadt war, meldete er sich gar nicht. Ich hörte kurz vor Mitternacht von Freunden, dass der Dichter da sei und mit seinen Kumpels auf eine Dorfhochzeit gefahren ist. Es war schon Ende Mai, die Nächte warm und ich stieg mit zwei Freundinnen in ein Taxi. Wir fuhren mitten in der Nacht ungefähr vierzig Kilometer in dieses Dorf.</p>
<p>Es war die neue Mode, mit Taxi von einer Stadt in die andere auf eine Party zu fahren, weil man gerade gehört hat, dass dort die Laune steigt. Dabei verschenkten wir den Taxifahrern Silberketten, Goldringe, Familiengeschirr, letzte Erbstücke von Oma. Diesmal war meine Freundin Gitta dran, mit ihrer Solidarität. Sie nahm, mittlerweile auch mit radikaler Kurzhaarfisur, ihre Kette vom Hals ab, damit ich zu meinem Dichter konnte. Allerdings  um ihn eins aufs Maul zu hauen.</p>
<p>Es war nicht schwer, im Dorf das Haus mit der Party zu finden. Doch bevor ich reinging um mich aggressiv zu verhalten, entdeckte ich den Dichter, direkt vor dem geschnitzten Holztor alleine auf der Bank sitzen. Als er mich sah, sprang er auf, rannte auf mich zu, machte eine Mundbewegung als wolle er was sagen und schwieg dann.</p>
<p>„Warum meldest du dich nicht, wenn du das bist?“ – fragte ich wütend und er antwortete nicht sondern starrte mich an mit entsetzten Augen.</p>
<p>„Hat dir jemand den Mund zugeklebt? Deine Frau zum Beispiel? “ – fuhr ich fort und sah, dass er mit sich kämpfte. Nach ewiger Zeit murmelte er etwas.</p>
<p>„Was??“</p>
<p>Er sagte wieder etwas, ohne  den Mund aufzumachen.</p>
<p>„Reiss doch mal deine Klappe auf!“ Stille. Ich warf schon die dritte Zigarette weg. Er wollte nicht rauchen. Schließlich erfasste mich ein Verdacht. „ Mach deinen Mund auf!“ – sagte ich bedrohlich. Er schüttelte seinen Kopf. „Mach sofort deinen Mund auf!“</p>
<p>Ich fing an ihn zu kitzeln, und ließ nicht los, bis er laut lachen musste und ich sah, dass ihm sowohl unten als auch oben jeweils zwei Zähne fehlten und zwar frontal. Mit geschlossenem Mund war er der Dichter, mit offenem die Baba Jaga.</p>
<p>„Ich habe es nicht mehr geschafft zum Zahnarzt zu gehen.“ – sagte er schließlich und schloss schnell wider den Mund. Ich bekam einen Lachkrampf. Er auch.</p>
<p>Wir machten uns auf den Weg und liefen zu Fuß bei Sonnenaufgang in die Stadt hinein, der Baba Jaga und ich. Mit einem kleinen Abstecher in eine blühende Maiwiese.</p>
</div>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Der Dichter</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Jan 2012 21:18:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Réka Kincses</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist noch nicht einmal zehn Uhr am Morgen als es an der Tür klingelt. Pilo ist schon seit einer halben Stunde weg, er hat jeden Sonntag Vorführung im Puppentheater.  Ich trotte verschlafen zur Tür, steige über mehrere Haufen dreckiger Unterwäsche, trete aus Versehen gegen einen überfüllten Aschenbecher und lasse einige Bierflaschen umfallen. Aus der Küche strömt mir ein Geruch entgegen wie von einer Tonne fauler Socken, das muss vom Abwasch kommen, den ich vor drei Tagen eingeweiht und immer noch nicht gespült habe. Ich halte mir die Nase zu. Durch die verschmierte Fensterscheibe am Ende des Korridors ist ein unendlicher Wald  grauer Plattenbauten zu sehen, weit über den Horizont hinaus.<br />
Ich öffne die Tür. ER steht mir gegenüber mit weiß gebügeltem Hemd unter seinem schwarzen Lodenmantel und dunklen Budapester Poetenlöckchen um seine Stirn, der Mund wie immer ein bisschen offen, als könne er nicht aufhören sich zu wundern, dabei bin ich jetzt gerade diejenige, der die Kinnladen bis zum Boden klappen. ER ist „Der Dichter“, so nennen wir ihn unter uns, und er hat zwei Koffer dabei.</p>
<p>Den Dichter habe ich ein Jahr zuvor auf einer Dorfhochzeit kennen gelernt, in der Nähe unserer Studentenstadt. Es war Winter und wir fuhren wie üblich aus lauter Langeweile aufs Land und suchten uns eine Hochzeit, wo wir die ganze Nacht umsonst essen und trinken konnten. An so einem Tag wurde nie jemand ausgeladen, das ging gegen die Sitte, das wäre Tabubruch gewesen. Im Gegenteil, die Dorfleute freuten sich, dass die Studenten vorbeikommen, und es gab immer Kohlrouladen und Sülze und Hühnergulasch, Schnaps und Wein, Gesöff ohne Ende. Dorfhochzeiten waren unsere Technopartys Anfang der neunziger Jahre in Rumänien. So gegen zwei Uhr in der Nacht war da kein Mann mehr nüchtern, alles torkelte durch die Gegend, sang schief und leidenschaftlich, möglichst lauter als die Geige und kotzte in die Ecke. Nach einem Liter siebenbürgischen Selbstgebrannten möchte keiner mehr in fremden Kulturen nach halluzinogenen Substanzen herumsuchen.<br />
Also irgendwann in der Nacht, als ich nicht mehr gerade gucken konnte, sah ich plötzlich zwei meiner Kommilitonen gegenüber auf der Bank sitzen.  Sie waren wie aus dem Nichts aufgetaucht und grinsten mich gut gelaunt an. Einer sagte, sie wären „gerade erst gekommen“- und als ich wissen wollte,  wie sie das genau meinten, da lachten sie dreckig und ich auch, und dann merkte ich, dass sie jemand mitgebracht haben. Ein Fremder saß neben ihnen,  groß gewachsen, schlacksig und unglaublich sauber. Er guckte verlegen. Sein Hemd, seine Haut, seine Zähne und seine Hose, alles makellos weiß. Mitten im der dunkelbraunen Schlammwüste sah er vollkommen unwirklich aus.<br />
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt seit Ewigkeiten keinen Mann mehr ohne Zweitagebart, mit sauberen Zähnen und weißen Fingernägeln gesehen. Dafür studierte ich an der falschen Uni. „Philologie“ – das hieß bei uns täglich eine Flasche Schnaps, zwei Schachteln filterlose Zigaretten und Bruchbuden als Untermiete.  Gebadet wurde höchstens alle fünf Wochen, wenn man mal die Eltern besuchte.  Ich hatte sogar einen Kollegen, er war der genialste vom Jahrgang und studierte das zweite Mal wieder alles von vorne, weil er wegen starken Zweifeln mal alles geschmissen hat – er hatte gar keine Toilette in seiner Wohnung, nicht mal ein Plumpsklo im Garten, und schiss jeden Morgen in eine Plastiktüte um sie unterwegs zur Uni vor dem ersten Philiosophievortrag in den Müll zu schmeißen.<br />
„Wer ist das denn?“  &#8211; fragte ich laut meine Kumpels und zeigte mit dem Finger auf den weißen Mann. Höflichkeiten lagen da bereits Jahre hinter uns. „Der Dichter aus Budapest”, antwortete mein Lieblingskollege schelmisch lächelnd, und zwinkerte. Danach strich er über sein pickeliges Gesicht und wieherte wie ein Pferd – “Ein ganz toller Dichter. Er hat heute die Lesung gehalten“.<br />
Dichter, die waren bei uns so etwas wie Popstars. Oder Hollywood-Legenden. Jeder fand sie geil. Deshalb war jeder zweite Mann ein Dichter. Ich kannte alleine in meiner engen Umgebung mehrere Dutzend davon. Aber ich kannte keinen mit einer weißen Hose. Sein Anblick zwischen kotzenden Bauern, war wie eine brennende Kerze nach stundenlangem Stromausfall in einem rumänischen Fahrstuhl.<br />
Ich stand auf, ging zu ihm rüber und küsste ihn ohne Vorwarnung direkt auf den leicht geöffneten Mund. Er sah mich erstaunt an und erwiderte den Kuss ohne viel zu fackeln. Wir bewegten uns danach nicht mehr vom Fleck, bis die Sonne aufging und uns jemand aufforderte, in einen Bus zu steigen, der bald in die Stadt fahren würde. Erst dann hörten wir mit der Knutscherei auf. Geredet haben wir kein einziges Wort.</p>
<p>Als ich aufwachte, parkten wir bereits auf dem Hauptplatz unserer Kleinstadt. Der Motor brummte noch und der Bus leerte sich langsam. Der Dichter schlief neben mir, seinen Kopf leicht auf meine Schultern gekippt. Ein zarter und stetiger Speichelstrom floss aus seinem Mund. Es war schon schreiend hell und mein Schnapspegel hatte drastisch nachgelassen. Ich legte seinen Kopf zurück an die Stuhllehne und stieg hastig aus dem Bus.<br />
Ich eilte im Laufschritt die nasse Straße lang, überall Matschspuren, verdreckter Bürgersteig. Seit Wochen hatte es geregnet. Der Dichter versuchte mich einzuholen.  „Wie heisst du?” hörte ich ihn schwer atmend hinter mir herlaufen, aber ich hielt nicht an. Irgendein Instinkt sagte mir, dass ich jetzt und nicht später das Weite suchen und mich auf gar keinem Fall umdrehen sollte. „Wie kann ich dich wiedersehen?“ –  hörte ich ihn weiter  &#8211; „Ich sitze jeden Donnerstag im Café „New York“  in Budapest.“ Ich lief weiter und hörte seine Stimme langsam in dem quälenden kleinstädtischen Morgenverkehr verklingen zwischen tausend Schlaglöchern und dem Quietschen einer historischen Straßenbahn.</p>
<p>Fortsetzung folgt</p>
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