Schweinefleisch

Ich sitze im Auto, es ist kalt draußen, ein bisschen neblig, aber die Morgensonne kommt schon durch. Die Felder sind wie üblich von betörender Schönheit, was nichts an der Tatsache ändert dass mir eine Stimme ständig „ wie bist du hier gelandet? Was hast du hier verloren?“ zuflüstert. An die habe ich mich schon gewöhnt, die ist beständig da, wenn ich alleine herumfahre, also mehrere Stunden am Tag. Um sie nicht so laut zu hören läuft bei mir immer das Autoradio. Als Nebeneffekt bin ich bestens über Kunst und Kultur informiert und über die Veranstaltungen die ich alle nicht besuchen kann.

Gerade habe ich mein Kind in die Kita gebracht, das andere Kind ist in der Schule und der Ehemann in seiner Firma. Ich habe einen ganz langen, eventuell sogar sonnigen Tag vor mir, um Arbeit zu verrichten, nach der mich keiner gefragt hat, und bei der es fraglich ist ob sich überhaupt irgendjemand dafür interessieren wird, geschweige denn sie bezahlen. Als freiberuflich künstlerisch tätiger Mensch habe ich heute jede Menge Zeit um mich selbst zu verwirklichen.

Ich biege in unsere schöne Straße ein und parke vor unserem wunderschönen Haus. Mich tröstet es nur selten dass das Haus schön ist, eine gewisse Undankbarkeit sitzt bei mir tief und sie ist schwer rauszukriegen. Wer ein Haus hat der ist irgendwie angekommen, denke ich. So jemand scheint eine Heimat zu haben. Ich aber bin hier nicht zu Hause und möchte es auch nicht sein. Ich will zu Hause zu Hause sein.

Ich schalte den Motor ab. Vogelgezwitscher. Im Radio kommt wieder etwas über die Flüchtlingskrise. Ich drehe das Gerät lauter, denen geht’s schließlich viel schlechter als mir, das bringt mich von meinen quälenden Gedanken weg.
Die CDU aus Schleswig-Holstein sorgt sich um das Schweinefleisch – höre ich – dieses deutsche Kulturgut, das gerade aus den Kantinen verdrängt wird, natürlich wegen muslimischer Zuwanderung. Sehr interessant. Und tatsächlich meldet sich die Chefredakteurin der Berliner Zeitung zum Kommentar. Sie findet es unmöglich, dass jetzt das Schweinefleisch als Teil der deutschen Kultur betrachtet wird, etwa mit Goethe und Mozart auf die gleiche Ebene. Ist die CDU wieder mal plemplem? – fragt sie sich.

Ich nehme die Einkaufstüte in die Hand um auszusteigen und denke daran, dass ich während meines frühzeitig abgebrochenem Anthropologiestudiums mal was darüber gelesen habe. Ich las, dass Menschen in ihren Essgewohnheiten am konservativsten sind. Essgewohnheiten hielten sich länger als die Sprache oder die Religion, hieß es dort. Das hat mich damals aus mehreren Gründen sehr überzeugt. Erstens erinnerte es mich an die armenische Familie meiner Mutter. Sie sind im siebzehnten Jahrhundert nach Siebenbürgen eingewandert und heirateten all die Jahrhunderte ausschließlich untereinander um die Kultur zu bewahren. Doch am Ende ist nur die große Nase und eine grüne armenische Suppe Namens Angadjabur erhalten geblieben. Sonst ist alles verloren gegangen, die Sprache, die Religion, die Bräuche.

Es ist also auch in Deutschland so weit, auf ein mal denkt man über Essgewohnheiten nach. Die Deutschen sind gezwungen in Kategorien zu denken, die sie längst loshaben wollten. Sie müssen sich unweigerlich fragen was „deutsch“ ist oder nicht.

Ich habe mich das schon Anfang der Neunziger gefragt, als ich hierher kam. Und das war nicht einfach zu definieren. Es war an Ende mehr eine bestimmte Art, ein bestimmter Geschmack, etwas subtiles und schwerer Fassbares als ein  Gericht. Meine deutschen Freunde mögen kein deutsches Essen und auch kein Schweinefleisch. Aber die sind wohl nicht ausschlaggebend.

Hier auf dem Dorf isst der typische deutsche Landwirt bestimmt gerne Kassler mit Sauerkraut. Sonst hockt er vor dem Fernseher, bekommt Hartz4 und fährt einmal die Woche zu Aldi. Er ist nämlich schon lange kein Landwirt mehr. Er hat keinen Bezug zur Erde, zur Natur, zu den Tieren, zu Traditionen. Er hat keine Bräuche mehr. Aber er hat noch den Kassler.

Einmal bin ich ins Heimatmusen Friesack gegangen weil ich eine örtliche Tracht sehen wollte, ich dachte, so würde ich ein Gefühl kriegen für die Geschichte des Ortes. Sie konnten mir leider auch keine Auskunft darüber geben und frage mich was der Flüchtling aus dem Nahen-Osten wohl denkt, wenn er so hinter Nauen aus dem Zugfenster schaut: leere Dörfer, leere Straßen ohne Dorfkneipe, ohne Dorfladen oder Dorfleben. Keine Pfeife rauchenden Männer, keine Kinderscharen, keine schwätzenden Frauen. Keine Kühe oder Hunde oder andere frei laufende Tiere. Kein Müll, kein aufsteigender Rauch, kein Feuergeruch.

Flachland mit Windrädern und Industrie.

„Es hagelt zumindest keine Bomben.“ – muss sich der Flüchtling dann immer wieder sagen, damit er sich freut. Dankbar sein, dass ihm der Himmel nicht auf dem Kopf fällt, während er in den brandenburgischen Spätwinter hinaus starrt.

Ich sehe diesen Flüchtling oft in der Regionalbahn. Meistens ist er mehrere und Männer und er freut sich kaum. Er ist unrasiert, trägt Plastiktüten, und sieht so ähnlich aus, wie ein Rumäne. Es ist ein bisschen so, als hätte mich meine alte Heimat wieder eingeholt. Ich habe diese Tütenmänner wieder an der Backe. Nur sprechen die jetzt auf ein mal alle Arabisch.

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2 Antworten auf Schweinefleisch

  1. iris sagt:

    danke. dieser text ist das perfekte zuhause.

  2. glumm sagt:

    jetzt weiss ich was mir gefehlt hat. rekas blick auf deutschland. auf ein leeres land, das angst davor hat, dass es wieder voll wird. mit tütenmännern.

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